Von Dr. Marcus Korthäuer

Geschäftsführender Gesellschafter der ESPERA-Werke GmbH und Vorstandsvorsitzender der Unternehmerverbandsgruppe in Duisburg

Metropole Ruhr, Stadt der Städte – ein faszinierender Slogan, mit dem der Regionalverband Ruhr (RVR) seit einigen Jahren für einen der größten Ballungsräume in Europa Standortmarketing betreibt. Rund fünf Millionen Einwohner, 155.000 Unternehmen, 1,75 Millionen Arbeitsplätze – das sind imposante Zahlen. Doch wie viel Realität steckt in diesem Slogan? Kann man die Zahlen aus den 53 Städten der Metropolregion einfach addieren und so Stärke generieren?

Machen wir uns nichts vor, das Ruhrgebiet muss kämpfen, und zwar an vielen Fronten: soziale Nord-Süd-Gefälle in vielen Kommunen; ein nach wie vor negatives Image als schmutzige Industrieregion; erdrückende Altschulden, die den Städten kaum Gestaltungsspielraum lassen; und, und, und. Die aufsummierten Zahlen drücken also weniger Stärke denn Potenzial aus. Die Stadt der Städte ist derzeit mehr Vision als Fakt. Positiv formuliert: Das Ruhrgebiet ist die Region der (noch) ungenutzten wirtschaftlichen Chancen.

Eine Analogie zu Europa bietet sich an. „Deutschland wird sein Gewicht nur in einem vereinten Europa in die globale Waagschale werfen können“, hieß es vielfach im Wahlkampf. Gleiches gilt, auf anderer Ebene, auch für das Ruhrgebiet. Im Wettbewerb mit Städten wie Berlin, Köln, Düsseldorf, Amsterdam oder Paris haben Dortmund, Essen, Duisburg oder Oberhausen als attraktive Wirtschafts- und Wohnstandorte allein wahrscheinlich schlechte Karten. Gemeinsam, als Stadt der Städte, wachsen Potenziale und Chancen um ein Vielfaches. Man muss diese Chancen allerdings auch erkennen und ergreifen wollen, damit aus einer Vision Realität werden kann. Die Voraussetzung dafür: Die Städte und ihre Partner aus der Wirtschaft müssen konsequent auf Vernetzung und Kooperation setzen. Ein Marketingslogan für die Region und darunter lauter lokale Kirchtürme – das funktioniert nicht.

Natürlich müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen. Bundes- und Landesgesetzgebung müssen der Bedeutung von Wachstum und Beschäftigung für unsere Gesellschaft deutlich stärker Rechnung tragen, als das aktuell der Fall ist. Aber auch auf regionaler Ebene muss es passen: Es ist beispielsweise interessant zu beobachten, dass der RVR zum einen mit beachtlichen finanziellen Mitteln die Metropole Ruhr als Wirtschaftsstandort bewirbt. Auf der anderen Seite ebbt aber die Kritik an der aktuellen Flächenplanung des RVR nicht ab: Die wirtschaftlichen Belange seien zugunsten von Umwelt- und Naturschutz vernachlässigt worden. „Das Papier weise viel zu wenig Gewerbeflächen aus und bedrohe damit die wirtschaftliche Entwicklung des Reviers“, berichtete die WAZ. Ja, was denn nun?

„Gemeinsam, als Stadt der Städte, wachsen Potenziale und Chancen um ein Vielfaches. Man muss diese Chancen allerdings auch erkennen und ergreifen wollen, damit aus einer Vision Realität werden kann.“

Auf Antworten und neue Gesetze warten, dafür ist keine Zeit. Städte und Unternehmen müssen trotz aller Widrigkeiten ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. Durch Kooperation! Ich sehe auf kommunaler Ebene zahlreiche Möglichkeiten für eine viel engere Vernetzung von lokaler Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung, in der für Wirtschaftsunternehmen die Wünsche der Kunden absolut im Mittelpunkt stehen (müssen). In der Vergangenheit haben wir in der Unternehmerverbandsgruppe häufig beobachtet, dass es zwischen einer städtischen Verwaltung, der Politik und der hiesigen Wirtschaft kaum bis gar keinen Austausch gab. Wie aber soll man als kommunaler Dienstleister die eigenen Leistungen verbessern, wenn man die Bedürfnisse des anderen gar nicht kennt?

Verstehen die Kommunen ihre ansässigen Unternehmen überhaupt als Kunden? Oder nur als Steuerzahler? Letzteres wäre fatal, denn auch die Ansprüche der Unternehmen steigen: eine mittelstandsfreundliche Verwaltung, optimierte Genehmigungsprozesse, eine zukunftsorientierte digitale Infrastruktur, ausreichend Gewerbeflächen, eine fokussierte und langfristig angelegte Wirtschaftsförderung, ein positives Image, um für Fachkräfte als Wohnort attraktiv zu sein – all das sind Faktoren, die auf das eigene Konto als Wirtschaftsstandort einzahlen und Unternehmen binden oder anlocken. Das muss Politik und Verwaltungen klar sein! Umgekehrt gilt: Wenn dieses Konto gut gefüllt ist, lässt es sich von den Erträgen besser als derzeit leben: mehr Arbeitsplätze, mehr Steuereinnahmen, weniger Sozialausgaben = mehr Gestaltungsspielraum. Findet diese Entwicklung in den Städten des Ruhrgebiets parallel und mit gleicher Zielsetzung, vielleicht ja sogar gemeinsam über Stadtgrenzen hinaus, statt, stärkt das zwangsläufig die gesamte Metropolregion. Das wäre ein entscheidender Schritt auf dem Weg von der Vision zur Realität.

Natürlich ist das nicht nur eine Bringschuld der Kommunen, auch die Wirtschaft ist gefordert. Beispiel Duisburg: Aus dem Masterplan Wirtschaft Duisburg ist 2017 der Verein Wirtschaft für Duisburg entstanden, der unter dem Dach der Unternehmerverbandsgruppe agiert. Die im Verein organisierten Unternehmen wollen sich für „ihren“ Standort Duisburg engagieren. Und zwar nicht nur über Forderungen an die Stadt, sondern gemeinsam mit Verwaltung und Politik. Unser Netzwerk verbindet Unternehmer, Führungskräfte und Experten mit den Akteuren bei Stadt und Politik. Und es funktioniert: Im Netzwerk hört man sich gegenseitig zu, gleicht Handlungsfelder und Ziele ab und schaut, wo man gemeinsam an konkreten Projekten arbeiten kann. Hier entsteht ein Vertrauensverhältnis, das weit tragen kann.

Ist das eine Blaupause für das Ruhrgebiet? Vielleicht. Auf jeden Fall ist es eine Aufforderung an die Politik und die Verwaltungen der Städte, ihren Kunden zuzuhören. Und ein Aufruf an die Unternehmen, sich ihrer Verantwortung für ihre Stadt und ihre Region bewusst zu sein – und aktiv zu werden: durch Vernetzung untereinander und mit den Verwaltungen, durch einen konstruktiven und transparenten Austausch. Damit die immensen Chancen dieser Metropolregion erkannt und ergriffen werden. Damit die Stadt der Städte vielleicht ja schon bald mehr als nur ein Slogan ist.