Von Egbert Neuhaus

Geschäftsführender Gesellschafter der M. Westermann & Co. GmbH und Vorsitzender des Unternehmensverbandes Westfalen-Mitte

Die Pandemie hat unser Land nach wie vor im Griff. Es ist erfreulich, dass die Impfungen jetzt nach und nach mit höherer Geschwindigkeit erfolgen und uns alle eigentlich zuversichtlicher in die Zukunft blicken lassen. Dennoch sind die Einschränkungen im täglichen Leben nach wie vor immens und die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Betriebe enorm. Die fehlende Perspektive in einigen Bereichen der Wirtschaft – vor allem im Handel oder im Hotel- und Gaststättengewerbe – sind schon bedrückend.

Das hat Folgen: Viele Unternehmer sind frustriert und auch enttäuscht vom derzeitigen politischen Krisenmanagement. Die Lockdown-Politik der vergangenen Monate war oft nicht nachvollziehbar. Da wurde eine Bazooka angekündigt bei den Corona-Hilfen, die aber viel zu verzögert flossen. Und auch die großen Defizite in der Digitalisierung – etwa bei der Kontaktverfolgung und in der Bildung – lassen so manchen ratlos zurück. Wir haben das über unsere Verbände immer wieder gegenüber der Politik adressiert.

In existenziellen Krisen wie diesen kommt es umso mehr darauf an, dass die Gesellschaft zusammenhält. Das ist in Deutschland bislang ganz ordentlich gelungen. Umso mehr bin ich verärgert über die in den letzten Monaten teilweise aggressive Rhetorik aus Teilen der Politik gegen die Wirtschaft – zuletzt beim Thema Testpflicht. Ich halte dieses „Finger-Pointing“ auch gesellschaftspolitisch für schädlich. Als trage die Wirtschaft bewusst eine Mitschuld an der steigenden Zahl von Infizierten. Wenn ich mich bei mir im Hochsauerlandkreis umhöre, dann erlebe ich ein beeindruckendes Engagement der Unternehmen beim Testen. Da wird richtig in die Speichen gegriffen, wie man so schön sagt, trotz immer noch großer Herausforderungen bei der Beschaffung und Organisation von Tests.

Auch die Pflicht zum Angebot zum Arbeiten von zu Hause wird von einer riesigen Mehrheit der Unternehmen konsequent umgesetzt. Außerdem sind die Abstands- und Hygienekonzepte in den Betrieben im Laufe der Pandemie immer weiter optimiert worden. Der weit überwiegende Teil unserer Unternehmen handelt hier äußerst konsequent. Denn wir Unternehmer wissen doch, dass wir uns andernfalls auch selber schaden. Deshalb bleibe ich dabei: Der Arbeitsplatz ist kein Hot-Spot für Ansteckungen.

„Das Impfen muss jetzt höchste Priorität haben. Darin liegt der zentrale Schlüssel zur Bekämpfung der Pandemie – und nicht im Ausdenken neuer Verordnungen und im Aufbau von zusätzlicher Bürokratie.“

Die Politik muss jetzt den Schalter umlegen. Das Impfen muss jetzt höchste Priorität haben. Darin liegt der zentrale Schlüssel zur Bekämpfung der Pandemie – und nicht im Ausdenken neuer Verordnungen und im Aufbau von zusätzlicher Bürokratie. Und wir als Wirtschaft sind doch bereit, mit unseren Betriebsärzten unseren Teil dazu beizutragen, dass wir schneller den notwendigen Impfschutz in der Bevölkerung erreichen.

Und deshalb müssen wir alle den Blick nach vorn richten. Das geht nur mit Zuversicht und Optimismus. Beides können wir in Deutschland auch mit Recht haben, denn wir dürfen unserer eigenen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit durchaus vertrauen. Deshalb ist es aber so wichtig, dass die Menschen in unserem Land wieder mehr Verständnis für die Bedeutung der Wirtschaft für unseren Wohlstand entwickeln. Das ist dringend nötig, weil wir hart daran arbeiten müssen, um ein gutes Stück unserer Wettbewerbsfähigkeit wiederzuerlangen, das uns schon vor der Pandemie verloren gegangen ist. Der Shutdown wäre wahrlich nicht nötig gewesen, um zu erkennen, dass wir an unseren Standorten hierzulande zu teure Strompreise, vergleichsweise hohe Unternehmensteuern und zu viel Bürokratie zu verkraften haben.

Wir wollen auch Industriestandort bleiben. Die Industrie ist die Basis für unseren Wohlstand. Es ist auch der Mix aus global agierenden Konzernen und einem breiten inhabergeführten Mittelstand, der ganz besonders für das Geschäftsmodell Deutschland steht. Übrigens: Eine wettbewerbs- und leistungsfähige Industrie ist auch die Grundlage dafür, dass wir uns in Deutschland diesen umfangreichen Sozialstaat leisten können, um den uns viele andere Länder beneiden.

Ich erwarte, dass die Parteien in ihren Wahlprogrammen im jetzt beginnenden Bundestagswahlkampf diese Zusammenhänge ganz prominent berücksichtigen. Ich wünsche ihnen die Einsicht, dass innovative, konkurrenzfähige, auf ihren Märkten erfolgreiche Unternehmen die Voraussetzung dafür sind, dass Arbeitsplätze geschaffen werden, Wohlstand gehalten wird und Steuereinnahmen fließen können. Darauf und auf die segensreiche Wirkung der Sozialen Marktwirtschaft muss wieder viel mehr gebaut und vor allem vertraut werden. Das gilt erst recht für die Zeit nach „Corona“.