Klartext im Westen

Der NRW-Wirtschaftsblog

Wir brauchen mehr Europa, nicht weniger

Von Egbert Neuhaus

Geschäftsführender Gesellschafter der M. Westermann & Co. GmbH und Vorsitzender des Unternehmensverbandes Westfalen-Mitte

Eines mal vorab: Wir bei der Firma WESCO zeigen Flagge für Europa. Seit einigen Wochen flattert die Europaflagge vor dem Eingang zum Stammsitz meines Unternehmens in Arnsberg. Es ist mir ein inneres Bedürfnis, mich auch öffentlich sichtbar zu einem starken und geeinten Europa zu bekennen. Ich gehe davon aus, dass in den nächsten Wochen auch noch viele andere Betriebe in Nordrhein-Westfalen Europaflaggen hissen werden. Was mich besonders freut: Ich weiß, dass viele unserer Mitarbeiter unser Bekenntnis für Europa gut finden. Das ist nicht selbstverständlich. Bei uns im Unternehmen wird ohnehin derzeit viel über Europa gesprochen. Etwa darüber, dass jüngst eine Million Briten auf die Straße gegangen sind, um gegen den Brexit zu demonstrieren.

Es ist so wichtig, dass wir jetzt wieder mehr über Europa diskutieren und sprechen. Und zwar positiv. Denn mit großer Sorge nehme ich wahr, dass in letzter Zeit Populisten und Europa-Gegner immer mehr Zulauf erhalten – nicht nur jenseits der Grenzen in unseren Partnerländern, sondern auch bei uns in Deutschland. Wir erleben, dass der bevorstehende Austritt des Vereinigten Königreichs und zunehmender Nationalismus an den Fundamenten unseres Kontinents rütteln. Nicht wenige befürchten nach der Wahl ein Auseinanderbrechen Europas, sollten die Anti-Europäer die Oberhand gewinnen. Für mich steht eines fest: Wenn Europa zerbricht, wird es keine Gewinner, aber viele Verlierer geben. Dabei haben wir dem Vereinten Europa so viel zu verdanken. 70 Jahre Frieden, Freiheit, Wohlstand. Ist denn das schon so selbstverständlich geworden, dass es scheinbar in Vergessenheit geraten ist?

Na klar: Auch wir Unternehmen haben so manchen Kritikpunkt, wenn es um Europa geht. So manche Regelung erscheint uns unverständlich, so mancher Aufwand überflüssig. Ja, die Europäische Union ist wahrlich nicht perfekt. Aber ganz ehrlich: Nirgendwo sehe ich auch nur im Ansatz eine seriöse Alternative, die besser als das Vereinte Europa eben für diese 70 Jahre Frieden, Freiheit und Wohlstand gesorgt hätte. Deshalb sage ich: Es muss doch das Ziel sein, Europa noch besser zu machen und verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Vielleicht müssen wir uns alle auch mehr zurücknehmen, wenn wir Kritik an den europäischen Institutionen üben. Immer wieder steht der Vorwurf überbordender Bürokratie im Raum. Manchmal ist etwas despektierlich von „den Brüsseler Bürokraten“ die Rede. Nur mal so viel: Allein die Stadtverwaltungen von Köln, Düsseldorf und Dortmund beschäftigen zusammen mehr Mitarbeiter als die EU-Kommission. Lassen wir doch nur diesen Vergleich einmal kurz auf uns wirken. Ich finde, da relativiert sich wohl einiges.

„Es ist so wichtig, dass wir jetzt wieder mehr über Europa diskutieren und sprechen. Und zwar positiv.“

Und was die Kritik am angeblichen Reglementierungs-Monster in Brüssel angeht: Nicht selten wird in Berlin und auch in den Bundesländern noch munter Bürokratie draufgesattelt. Auch Nordrhein-Westfalen macht da keine Ausnahme, wenn ich allein an die investitionsfeindlichen und den Aufbau von Arbeitsplätzen gefährdenden Extra-Auflagen des Landesnaturschutz- und des Landeswassergesetzes denke. Hier sitzt der Urheber eindeutig in Düsseldorf, nicht in Brüssel!

Gelegentlich habe ich den Eindruck, dass es sich so mancher Politiker hierzulande lieber leichtmacht und schnell mit dem Finger auf Brüssel zeigt – auch, um von eigenen Verfehlungen abzulenken. Das ist nicht nur unfair, sondern obendrein auch noch gefährlich. Dieses Verhalten spielt Europa-Gegnern in die Hände. Also mehr Ehrlichkeit bitte!

Ich finde, wir alle müssen wieder mehr dafür tun, die unbestrittenen Vorzüge des Vereinten Europas herauszustellen: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, kulturelle Vielfalt, die Freiheit offener Binnengrenzen ohne Kontrollen – wollen wir all dies allen Ernstes in Frage stellen? Und als Unternehmer, der sich für die Arbeitsplätze seiner Mitarbeiter verantwortlich fühlt, füge ich hinzu: Der Europäische Binnenmarkt sichert auch in meinem Unternehmen viele Arbeitsplätze, weil die Länder in der Europäischen Union zu unseren wichtigsten Absatzmärkten zählen.

Die vier großen Freiheiten, nämlich die Freizügigkeit von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen auf einem Markt von – Großbritannien noch eingerechnet – immer noch 500 Millionen Menschen, gehören zu den großartigsten wirtschaftspolitischen Weichenstellungen und Errungenschaften der letzten Jahrzehnte. Sie zu sichern ist eine Verpflichtung, der wir alle uns auch mit Blick auf unsere Kinder und Enkel verschreiben sollten. Ich möchte jedenfalls nicht, dass sie wieder Schlagbäume und Grenzkontrollen erleben müssen. Deshalb sage ich: Wir brauchen mehr Europa, nicht weniger.

1 Kommentar

  1. Vielen Dank für Ihren Beitrag für den Zusammenhalt Europas.
    Derzeit ist es tatsächlich so, dass auch die Wirtschaft aufgrund vielerlei Unsicherheiten Brexit & Co. sehr belastet ist. Viele mittelständische und kleine Unternehmen fürchten bei ungünstiger Wirtschaftslage durch einen möglichen Brexit laut Factoring-Verband „auf offenen Rechnungen sitzen zu bleiben“. Das könnte fatale Auswirkungen für Unternehmen haben, welche sich nicht sicher finanzieren können und auf geregelte Zahlungen ihrer Kunden angewiesen sind.

    Ich unterstütze Ihre Meinung, dass im aktuellen Konflikt um Europa, gerade das Positive und nicht das Negative betont werden sollte. Denn je mehr man das Negative betont, umso mehr vergrößert man die Spaltung!

    MFG,
    Peter Wasler

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