Von Dr. Andre Carls

Vorsitzender des Bankenverbands NRW

„Wir erwarten nach dem Tiefpunkt im 2. Quartal eine Stabilisierung der Konjunktur in der 2. Jahreshälfte 2020 und sogar wieder ein Wachstum im nächsten Jahr“, so die Prognose unserer Bank-Volkswirte. Also Licht am Ende des Tunnels?

Corona ist eine der schwersten Krisen für die Wirtschaft, und über den Berg sind wir noch lange nicht. Aus Sicht der privaten Banken sehen wir derzeit ein zweigeteiltes Bild: Selbstständige und kleine Unternehmen, die sehr schnell durch den abrupten Lockdown in Liquiditätsengpässe hineingeraten sind und die dringend die Soforthilfen in Anspruch nehmen mussten. Und auf der anderen Seite viele größere, auch international tätige Mittelständler, die aufgrund einer besseren und langfristig angelegten Liquiditätsausstattung noch weiterhin ganz „normales“ Kreditgeschäft machen. Und das gibt es auch mitten in der Krise: Unternehmer, die investieren, Geschäftsmodelle und Lieferketten diversifizieren oder sich sogar durch Zukäufe im Wettbewerb stärken.

Die schnellen und unbürokratischen Soforthilfen des Bundes und des Landes NRW haben die Wirtschaft stabilisiert. Das zeigen die Zahlen: 430.000 Selbstständige und Kleinunternehmen erhielten rund 4,5 Mrd. Euro aus dem Soforthilfe-Programm, beim KfW-Schnellkredit sind bisher rund 64.000 Anträge mit einem Zusagevolumen von mehr als 31 Mrd. Euro eingegangen. Rund ein Viertel der KfW-Anträge stammen dabei aus NRW. Diese Erste-Hilfe-Maßnahmen der Politik waren richtig und wichtig. Die Banken standen in dieser Krise ihren Kunden als Teil der Lösung zur Verfügung, das Hausbank-Prinzip hat sich dabei bewährt. Schon früh fand sich die Kreditwirtschaft in NRW auch zu einer Task Force zusammen, die sich schnell und in engem Austausch mit Förderinstituten, der Bundesbank sowie der Politik und vor allem in regelmäßigen Gesprächen mit den Unternehmerverbänden abgestimmt und Hürden durch Regulierungsvorgaben und zu bürokratische Prozesse beiseite geräumt hat.

Für den Herbst befürchten viele eine deutliche Zunahme von Kreditausfällen und Insolvenzen, weil die Liquidität durch den nur langsam wieder steigenden Konsum weiter abschmilzt. Um dies zumindest abzufedern, müssen wir jetzt aktiv werden. Klar ist: Allein mit weiteren Krediten, Zuschüssen und Tilgungen werden wir die Wirtschaft auf Dauer nicht retten können. Es braucht dringend eigenkapitalstärkende Maßnahmen, damit die Unternehmen wieder investitionsfähig werden. Die jetzt verkündeten weiteren Konjunkturprogramme von Bund und Land sind zu begrüßen und auch notwendig. Dabei darf es aber nicht um Subventionen nach dem Gießkannenprinzip gehen, sondern um gezielte Förderung zukunftsfähiger Geschäftsmodelle. Wir Banken sind bei aller Kulanz und Haftungsfreistellung dennoch in der Pflicht, auch weiterhin für eine saubere Kredit- und Risikoprüfung zu sorgen, auch wenn das für manchen Unternehmer manchmal schwer zu akzeptieren ist.

Die schnellen und unbürokratischen Soforthilfen des Bundes und des Landes NRW haben die Wirtschaft stabilisiert.

Wir wollen aber nach vorne schauen und vor allem einen positiven Beitrag leisten. In Arbeitspapieren haben wir der Landesregierung bereits erste konkrete Vorschläge unterbreitet. Diese wollen wir mit der neuen Initiative „FinConnect.NRW“ gemeinsam mit Unternehmerverbänden und weiteren Marktteilnehmern wie zum Beispiel Versicherungen und Venture Capitalists angehen, um eine neue Investitionskultur im Land zu schaffen. Die Herausforderungen sind immens, nicht nur beim Wiederhochfahren der Wirtschaft. Die Transformationsfinanzierung für Digitalisierung, Nachhaltigkeit und die Modernisierung der Industrie sind dabei die wichtigsten Aufgaben. Gerade bei der Digitalisierung erleben wir aktuell eine Disruption im Live-Betrieb. Unternehmen, die sich noch nicht mit diesem Thema beschäftigt haben, mussten aktuell schmerzhaft erfahren, wie sie ohne Digitalisierung abgehängt werden.

Die Krise hat die Wirtschaft in NRW aufgrund ihrer Struktur besonders hart getroffen. Aber umgekehrt ist diese Struktur gerade in dieser Situation auch unser Vorteil. Die Voraussetzungen sind gut: Wir können nach einer zehnjährigen Wachstumsphase aus einer Position der Stärke agieren und sind einer der größten und wichtigsten Exportpartner in Europa. Der vielfältige Mittelstand in diesem Land ist ein wesentlicher Innovationstreiber. Unsere Banken sind stabil aufgestellt und handlungsfähig, um die Wirtschaft bei der weiteren Finanzierung zu unterstützen. Wenn es uns also gelingt, trotz der Unsicherheiten beim weiteren Corona-Verlauf schnell wieder in Gang zu kommen, können wir unsere Vorteile im globalen Wettbewerb ausspielen. Wenn NRW seine Chancen nutzen will, dann jetzt. So viel Optimismus darf sein: Das ist deutlich mehr als nur ein Licht am Ende des Tunnels…