Von Dr.-Ing. Hans-Toni Junius

Vorsitzender der Geschäftsführung und geschäftsführender Gesellschafter der Waelzholz Gruppe, Vorsitzender des Vorstands BDI/BDA Mittelstandsausschuss

Die COVID-19 Pandemie hat die industriellen Lieferketten in Deutschland und in NRW zunächst in einen Schock versetzt. Im 2. KQ 2020 ist die Produktion der deutschen Automobilindustrie im Vergleich zum Vorjahresquartal um mehr als 60 % geschrumpft. Der April war mit -97 % ein Totalausfall. Nachdem die Pandemie aus Asien nach Europa schwappte, waren plötzlich abrupte Störungen in den Lieferketten zu beobachten, die zu Fabrikstillständen führten und einen hohen Stress im bewährten industriellen Netzwerk unseres Landes erzeugten.

Globale Lieferketten, die für ein exportstarkes Land überlebenswichtig und selbstverständlich sind, wurden durch staatlich verordnete Lockdowns, Grenzschließungen und andere Behinderungen des Welthandels plötzlich abgetrennt und haben ganze Wirtschaftsbereiche gelähmt. Infolge dieser Entwicklung gingen die Umsätze in industriellen Lieferketten im gleichen Zeitraum um mehr als die Hälfte zurück.

Gutes behördliches Vorgehen

Es muss hervorgehoben werden, dass die Handlungsspielräume der Industrieunternehmen durch die bewährte Kurzarbeitergeld-Regelung der Bundesrepublik und die pragmatische behördliche Abwicklung des KUG erheblich erweitert wurden, wodurch nicht nur Arbeitsplätze abgesichert, sondern auch ganze Lieferketten wirksam erhalten wurden. Die Absicherung der Kreditversicherer durch staatliche Garantie ist ähnlich positiv zu beurteilen.

Während diese staatlichen Maßnahmen die Wirtschaft absichern und damit dem Gemeinwohl dienen, haben sich in der Pandemie andere staatliche Eingriffe entwickelt, die durch Bürokratie, unwirksame Auflagen und Anordnungen eher hinderlich und verschlimmernd wirkten.

Weniger erfolgreiches staatliches Agieren

Nicht erst seit dem Scheitern der Planwirtschaft in der ehemaligen DDR ist bekannt, dass engmaschige Beschaffungs- und Logistikprozesse besser von erfahrenen Wirtschaftsunternehmen organisiert werden können, deren tägliche Aufgabe es ist, sich flexibel auf neue Situationen im Umfeld einzustellen. Staatliche Einrichtungen, die eher nach engen Vorgaben operieren als eine Optimierung ihrer Aufgabenerfüllung anzustreben, können nicht so zügig und effizient agieren. Eine privat organisierte Impfstofflogistik hätte weniger gekostet und eine schnellere und effektivere Versorgung der Bevölkerung gewährleistet.

Erfahrungen im eigenen Unternehmen

Als Industrieunternehmen mit 2.400 Beschäftigten weltweit sind wir von COVID-19 Infektionen durch externe Kontakte nicht verschont geblieben und haben einige sehr schwer erkrankte Mitarbeiter erlebt. Zudem wurden viele Industrieunternehmen durch Quarantänemaßnahmen in ihrer Handlungsfähigkeit sehr eingeschränkt. Mit einer effektiven Impflogistik durch Fachfirmen unter Nutzung des Know-how der Wirtschaft wäre der Schaden geringer und die herausfordernde Situation schneller beherrschbar gewesen.

In dieser Krise bekommen bewährte gute Geschäftspartnerschaften, die den Erfolg aller handelnden Parteien zum Ziel haben und nachhaltig angelegt sind, einen besonderen Stellenwert. Es zählt nicht die opportunistische Gewinnmaximierung, sondern die Aufrechterhaltung eines wertschaffenden Wirtschaftsprozesses.

Natürlich werden wir die Pandemie überstehen und der wirtschaftliche Optimismus, der Tatendrang und die Innovationskraft unserer mittelständischen Unternehmen werden sich wieder voll entfalten. Dazu müssen wir aber die Fesseln abwerfen, den Unternehmern Freiräume geben, wirtschaftlichen Erfolg positiv bewerten und diesen zum Wohle des Landes und seiner Bevölkerung nutzen.

Rohstoffversorgung

Die Wirtschaft ist aktuell an vielen Fronten herausgefordert: Rohmaterial ist knapp, auf einigen Märkten entsteht ein „Windhundrennen“ um die dringend benötigten Ressourcen, da die Versorgung mit Vorprodukten und Rohstoffen wie Halbleitern, Stahl, NE-Metallen, Holz und Kunststoffen nicht in ausreichendem Umfang gesichert ist. Zudem sind wir bei vielen Vorprodukten von Importen aus Partnerländern abhängig.

Die pandemiebedingte Verknappung von Rohstoffen und Gütern führt zu Versorgungsengpässen und zu einem unerwartet starken Preisanstieg, wie er selbst nach der Finanzkrise 2008/09 nicht zu beobachten war.

„Wir müssen die Fesseln abwerfen, den Unternehmern Freiräume geben, wirtschaftlichen Erfolg positiv bewerten und diesen zum Wohle des Landes und seiner Bevölkerung nutzen.“

Die Folgen der sprunghaften Preisentwicklung bei Abklingen der Pandemie auf den wesentlichen internationalen Märkten sind noch nicht abzusehen.

Deutschland ist kein Rohstoffland. Etwa 70% des Primärenergiebedarfes müssen importiert werden. Überdies wollen wir verfügbare natürliche Ressourcen, wie die Braunkohle, nicht weiter nutzen. Die Abhängigkeit von unseren Handelspartnern, die über die für unsere Produktionsprozesse erforderlichen Ressourcen verfügen, wächst in den kommenden Jahren stark. Wie in der Wirtschaft muss bei der Bedarfsdeckung auf mehrere Lieferanten gesetzt werden, um die Risiken zu balancieren. Zudem erfordern die neu entstehenden Abhängigkeiten eine geschickte neue Außenpolitik. Deutschland kann als Energieimporteur auf keinen Handelspartner verzichten, auch wenn uns das nicht immer gefallen wird.

Emission und Umwelt

Die Industrie arbeitet in Deutschland mit Akribie an der Reduzierung und Vermeidung von CO2 Emissionen. Den Klimazielen des Pariser Abkommens von 2015 fühlen sich alle verpflichtet. Die CO2 Emissionen, die ein Produkt während seiner Herstellung sammelt, entwickeln sich zu einer neuen Preiskomponente, die eine bisher unbekannte Dimension in unser wirtschaftliches Handeln einführt. Die Industrieprozesse werden künftig nicht nach den günstigsten Kosten allein, sondern auch nach der CO2 Belastung bewertet. Die CO2 Emission wird sich zu einer zweiten Währung entwickeln.

Unternehmen arbeiten intensiv an ihren Prozessen. In der Metallverarbeitung – meiner industriellen Heimat – können durch die Einführung von H2 als Brenngas CO2 Emissionen fast komplett vermieden werden. Die bisher nicht verfügbare Infrastruktur für eine H2 Versorgung in industriellem Maßstab muss zügig geschaffen werden. Dabei sind noch viele technische und politische Hürden zu überwinden, um diesen nachhaltigen Weg beschreiten zu können.  Die Erzeugung des Wasserstoffs muss ohne CO2 Emissionen erfolgen, also auf erneuerbare Energien aufsetzen, die bekanntlich nicht ausreichend zur Verfügung stehen.

Die gewählten Wege müssen praktikabel und wettbewerbsfähig sein, wenn wir zügig in sichere Prozesse mit ökologischem und ökonomischem Fortschritt eintreten wollen. Dabei sind die emissionsfreie Erzeugung von H2 und die Verfügbarkeit leistungsfähiger Transportnetze wesentliche Voraussetzungen zur Erfüllung der geplanten Klimaziele.

Eines ist klar: Ohne gutes industrielles Wirtschaften mit unseren vielen mittelständischen Unternehmen wird sich der ökologische Fortschritt in Europa nicht einstellen.

Internationaler Freihandel

Manch idealistischer Gedanke, mit dem man politische Entscheidungen in Nachbarländern oder auch bei Wirtschaftspartnern beeinflussen möchte, ist gut gedacht, muss jedoch in den Gesamtkontext des wirtschaftlichen Handelns eingeordnet werden.

So sollten wir uns bei der Kritik an der Energiewirtschaft eines Landes immer bewusst sein, dass wir diese Energie zum Teil zu hohen Kosten importieren müssen, um unseren Wohlstand zu erhalten. Dies gilt sowohl für die Einfuhr von Erdöl und -gas, über die wir nicht in ausreichendem Maße verfügen, als auch für atomaren Strom oder Kohle, die wir aus anderen Ländern importieren, da wir sie selbst nicht mehr nutzen oder abbauen wollen.

Deutschland ist mit seiner Wirtschaft besonders von den Exporten abhängig. 36 % aller in Deutschland hergestellten Wirtschaftsgüter werden exportiert, für Industriegüter liegt die Exportquote bei mehr als 50%. Etwas mehr als die Hälfte aller Exporte entfällt auf Länder außerhalb der EU. Jede politische Maßnahme, die diese Handelsströme belastet, werden wir deutlich spüren. Wir müssen nicht nur wirtschaftlich mit unserer Industrie und mit der Qualität unserer Produkte, sondern auch mit der Qualität unserer internationalen Politik im Wettbewerb bestehen.

Erwartungen an Bund, Land und Behörden

An vielen Stellen wird es nach der Pandemie Reparaturbedarf geben und der Staat muss wichtige Funktionen wahrnehmen, natürlich unterstützt durch die Wirtschaft und unsere Unternehmen. Dies gilt insbesondere für die Jugend, das heißt unsere Schulen, die Ausbildung und auch die Universitäten. Wir müssen den jungen Menschen in unserem Land wieder eine sehr gute Perspektive geben! Selbstverständlich werden auch unsere Unternehmen durch Ausbildung, Weiterbildung und Stipendien dabei sein!

Unser Gesundheitswesen hat im Verlauf der Pandemie zwar funktioniert, aber es ist an seine Grenzen gestoßen. Zudem wissen wir, dass nicht alle Reformen im Gesundheitsbereich in den zurückliegenden Jahren zu einer Verbesserung der medizinischen Versorgung unserer Bürger beigetragen haben.

Es gibt dringenden Handlungsbedarf, wie uns die Pandemie gelehrt hat. Wir brauchen gut funktionierende Krankenhäuser, gut ausgebildete Ärztinnen und Ärzte, die von ihrem Beruf begeistert sind, ebenso wie die dringend erforderlichen, zuverlässigen und freundlichen Pflegekräfte. Um diese staatlichen und sozialen Funktionen angemessen zu finanzieren, benötigen wir gesunde Finanzen, die unser Land nur mit einer florierenden Wirtschaft haben wird, die innerhalb fairer, international wettbewerbsfähiger Rahmenbedingungen agieren kann. Dazu zählen die notwendigen Steuern- und Sozialabgaben ebenso wie vertretbare Energiekosten, aber auch die Verfügbarkeit der notwendigen und nachhaltig vernünftigen Energie-Versorgung.

Selbstverständlich müssen auch die Lohn- und Sozialkosten im Land im internationalen Wettbewerb bestehen können, da sonst zwangsläufig immer größere Bereiche der Wertschöpfung abwandern müssen und daraus wieder neue Abhängigkeiten von Handelspartnern in anderen Ländern entstehen.

Unsere Zukunft heißt: Soziale Marktwirtschaft

Die Leistungsfähigkeit unseres Landes und unser sozialer Frieden beruhen auf der sozialen Marktwirtschaft, der wir alle verpflichtet sind. Wir wollen nicht den extremen Erfolg Weniger, sondern gemeinsam für alle in der Wertschöpfungskette einen angemessenen Wohlstand sichern. Unfaire Praktiken lehnen wir ab. Die Tarifautonomie schafft – nach häufig zähem Ringen – einen Konsens zwischen den Interessen der Arbeitnehmer, vertreten durch die Gewerkschaften und den Unternehmervertretern. Ein bewährtes Konzept, in das der Staat nicht eingreifen sollte, weil es dadurch nachhaltig geschwächt würde.

Wir Unternehmer müssen gemeinsam mit unseren Tarifpartnern für die tariflichen Rahmenbedingungen sorgen, mit denen sich unsere Wirtschaft erfolgreich entwickeln kann und die Arbeitsplätze und Verdienstmöglichkeiten in einem Rahmen definieren, der allen eine gute Perspektive bietet. Dies ist nur mit technischem Fortschritt und hoher unternehmerischer Motivation zu erreichen. Der Staat in Bund und Land muss dazu den politischen Rahmen stecken.