Von Torsten Withake

Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit

Die Corona-Pandemie wird uns in NRW auch in den kommenden Monaten Kraft und Engagement abverlangen. Dabei können wir auf den positiven Erfahrungen von fast zwei Jahren erfolgreicher und konstruktiver Zusammenarbeit aller Arbeitsmarktpartner aufbauen. Zugleich hat der Strukturwandel in der Wirtschaft erheblich an Fahrt aufgenommen. Spürbar ziehen derzeit die Engpässe bei gut ausgebildeten Fachkräften an. Ausbildung und Weiterbildung heißen die Gebote der Stunde. Dabei stellen sich am Ausbildungsmarkt neue Herausforderungen und eine neue Selbstverständlichkeit, mit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eine Weiterbildung absolvieren, muss weiter gefördert werden.

Aktuell sind die Folgen der Corona-Pandemie weiterhin, auch aufgrund der derzeitigen Verschärfung der Lage, deutlich spürbar. Und dennoch, dank der vielseitigen Hilfen für die Wirtschaft und dem massiven Einsatz von Kurzarbeit steht der Arbeitsmarkt Ende 2021 nicht schlecht da. Die Arbeitslosigkeit ist deutlich zurückgegangen und nähert sich dem niedrigen Vorkrisenniveaus an; gleichzeitig hat die Zahl sozialversicherungspflichtig beschäftigter Menschen im November einen neuen historischen Höchststand erreicht: 7,2 Millionen Menschen – so viele Menschen gingen noch nie in NRW einer versicherten Beschäftigung nach. Am Stellenmarkt wird Corona spürbar – Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber zögern, neuen Bedarf an neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu melden.

Auch der Ausbildungsmarkt konnte sich nach dem Schock des Sommer 2020 fangen. Wichtig dafür war das gemeinsame Anpacken im Ausbildungskonsens NRW – der in diesem Jahr seinen 25. Geburtstag feiert. Es ist eine sehr gute Erfahrung, wie Betriebe, Unternehmen sowie Partnerinnen und Partner angesichts der Herausforderung enger zusammenrücken, relevante Stellschrauben drehen und sich beharrlich für den Nachwuchs engagieren. Getragen von dem Bewusstsein, dass es ohne junge Menschen, die sich dual zur Fachkraft ausbilden lassen, schwer wird, in einer Zeit tiefgreifender Transformationen in Wirtschaft und Arbeitswelt dauerhaft bestehen zu können.

Unternehmen, die selbst ausbilden, sind, wenn es um die Fachkräfte der Zukunft geht, klar im Vorteil. Ihnen ist es auch zu verdanken, dass die Bilanz am Ausbildungsmarkt 2021 nach schwerem Start versöhnlich ausfiel. Mit über 100.000 angebotenen Ausbildungsplätzen und ebenso vielen Bewerberinnen und Bewerbern konnte NRW trotz Corona-Einschränkungen ein gutes Niveau halten. Dieses Engagement ist auch deshalb bewundernswert, weil der Ausbildungsmarkt im Umbruch ist, sich vom Stellen- zum Bewerbermarkt wandelt, es also immer schwerer wird, die Plätze zu besetzen. Auch wenn es schwerer wird – ein Rückzug von der Ausbildung ist keine Alternative, denn in der kommenden Dekade werden in NRW rund 1,3 Millionen gut ausgebildete Menschen und damit mehr als ein Fünftel aller Fachkräfte in den Ruhestand wechseln.

„Auch wenn es schwerer wird – ein Rückzug von der Ausbildung ist keine Alternative, denn in der kommenden Dekade werden in NRW rund 1,3 Millionen gut ausgebildete Menschen und damit mehr als ein Fünftel aller Fachkräfte in den Ruhestand wechseln.“

Die Betonung liegt zudem auf „gut“ ausgebildetem Nachwuchs. Denn die jungen Menschen müssen nicht nur numerische Lücken schließen, sondern auch eine gewaltige Modernisierung der Wirtschaft gestalten, die sichtbar immer mehr in Fahrt kommt und hohe Anforderungen stellt. Diese Transformation, getrieben durch Digitalisierung, Automatisierung und nicht zuletzt durch die Energiewende, wird das entscheidende Thema am Arbeitsmarkt der kommenden Jahre.

Und wer organisiert die Energiewende, womöglich bis 2030? Wo nehmen wir in Zukunft die Fachkräfte her, die wir benötigen, um erfolgreich zu sein? Aktuell steigt in den Arbeitsagenturen kontinuierlich die Zahl der offenen, aufgrund fehlender Fachkräfte nicht zu besetzenden Stellen. Deshalb stehen wir, davon bin ich überzeugt, vor einem Jahrzehnt der Weiterbildung. Eine Dekade der Entwicklung all der Potentiale, die der Arbeitsmarkt in NRW zu bieten hat. Zum Beispiel von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ohne passgenaue Qualifikation oder von Menschen mit Jobs, die durch die Transformation sich ändern. Wir müssen lernen, uns kontinuierlich – wie selbstverständlich – beruflich weiterzuentwickeln.

Der Königsweg ist dabei die abschlussbezogene Weiterbildung, also etwa die betriebliche Umschulung, die zu einem anerkannten Berufsabschluss führt. Ein weiterer wichtiger Baustein einer Fachkräftestrategie der Zukunft ist die Teilqualifizierung, die es Menschen ermöglicht, den Anschluss zu nutzen oder Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ohne Ausbildung über einen längeren Zeitraum hinweg ebenfalls noch zu einem Abschluss verhilft. Mit Blick auf die beiden Pole des aktuellen Arbeitsmarktes, den hohen Fachkräftebedarf bei gleichzeitig (noch) hoher Arbeitslosigkeit, ist einer meiner Favoriten das Angebot der Einarbeitungen mit gleichzeitiger Qualifizierung am Arbeitsplatz. Durch diese geförderte Weiterbildung werden zuvor arbeitslose Menschen zur Chance für Unternehmen, ihren Bedarf an qualifiziertem Personal in den Griff zu bekommen.

Wir werden Weiterbildung neu lernen! Angefangen bei der Selbstverständlichkeit, mit der wir uns qualifizieren oder unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu bewegen, sich weiterzubilden. Wir müssen lernen, zu erkennen, welche Qualifizierung die richtige ist. Und Zeit dafür einzuräumen. Um diesen Schritt in ein Jahrzehnt der Weiterbildung, der Qualifizierung und Transformation zu unterstützen, haben wir in den Agenturen für Arbeit in den vergangenen Jahren gezielt unsere Beratungsmöglichkeiten ausgebaut. Die Arbeitsagenturen bieten Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber wie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gute Beratung und finanzielle Förderung.

Und ja, auch die Zuwanderung ist ein Thema. Wir haben große Potentiale in NRW. Doch das eine zu tun – auszubilden, qualifizieren und damit die inländischen Potentiale zu fördern – bedeutet nicht zwangsläufig, das andere zu lassen. Fachkräftesicherung durch passgenaue Fachkräfteeinwanderung wird in Zukunft eine größere Rolle spielen. Mit ihr kann das Fachkräftepotential unserer Wirtschaft gezielt gestützt und erweitert werden. Dafür müssen wir bereit sein, die Einwanderung besser zu organisieren. Denn wir dürfen uns nichts vormachen: Zuwanderung gelingt in der Regel nur durch das große Engagement von Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber. Und diese sind darauf angewiesen, dass die gesetzlichen Regelungen für die Fachkräfte-Zuwanderung realistisch umsetzbar und überschaubar sind.