Von Martina Merz

Vorstandsvorsitzende thyssenkrupp AG

Was zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit den ersten Zechen, Fördertürmen und der Stahlproduktion in Bochum, Dortmund und Essen seinen Anfang nahm, ist heute eines der größten Ballungsgebiete und Wirtschaftszentren Europas. Mit einer engen Verzahnung von Lieferketten und einem starken Zusammenspiel von Unternehmen über verschiedenste Sektoren hinweg ist das industrielle Erbe des Ruhrgebiets auch eine Chance für die Zukunft. Das Ruhrgebiet hat das Zeug, Europas Zentrum der Wasserstoff-Industrie zu werden. Kurz gesagt: ein Hydrogen-Valley.

Die Metropolregion Ruhr, wo auch thyssenkrupp seinen Hauptsitz hat, ist ein Wirtschaftsstandort mit einem einmaligen Ökosystem für den Aufbau einer integrierten Wasserstoff-Industrie: eine leistungsfähige Infrastruktur, hochqualifizierte Beschäftige, Forschung auf Weltklasseniveau und innovative Industrieunternehmen –  der „Pott“ hat den Strukturwandel an vielen Stellen erfolgreich gemeistert und zeigt, wie industrielle Wertschöpfung über Branchen und Sektoren hinweg funktionieren kann.

Für den Aufbau einer integrierten Wasserstoff-Industrie muss das Ruhrgebiet einen weiteren Schritt auf dem bereits eingeschlagenen Weg gehen: Denn die Transformation unserer Industriegesellschaft hin zu einer klimaneutralen Zukunft ist in vollem Gange. Grüner Wasserstoff wird dabei eine entscheidende Rolle spielen, denn damit lassen sich Klimaschutz und wirtschaftliche Entwicklung vereinen. Klimaneutral aus erneuerbarem Strom erzeugt, entsteht so ein vielseitig einsetzbarer Energieträger, der einfach gespeichert und transportiert werden kann. Das ist ein Riesenvorteil für die energieintensiven Industrien. Und viele dieser Großverbraucher sitzen in Nordrhein-Westfalen.

Auch thyssenkrupp als einer der größten Stahlhersteller in Europa setzt zunehmend auf den Einsatz von Wasserstoff im Hochofenbetrieb. Hier ist der Hebel zum Klimaschutz besonders groß. Mit der Produktion von grünem Stahl wollen wir unsere CO2-Emissionen bis 2030 um 30 Prozent reduzieren – und damit einen wesentlichen Beitrag zum Erreichen der Klimaziele der Bundesregierung leisten.

„Das Ruhrgebiet hat das Zeug, Europas Zentrum der Wasserstoff-Industrie zu werden. Kurz gesagt: ein Hydrogen-Valley.“

Um die Vision einer Wasserstoff-Industrie im Ruhrgebiet Wirklichkeit werden zu lassen, müssen viele Prozesse ineinandergreifen: die Entwicklung eines funktionsfähigen Ökosystems aus Produktion, Verteilung und Nutzung ist vordringliche Aufgabe. Das können Unternehmen, Hochschulen und öffentliche Hand nur im Verbund leisten. Bis zu einem erfolgreichen „Hydrogen-Valley“ bleibt noch Einiges zu tun – das gilt für die Infrastruktur, aber auch für den Einsatz von regenerativen Energien und für die industriellen Anwendungen von Wasserstoff selbst. Gleichzeitig ist es wichtig, auch die Rahmenbedingungen entsprechend zu gestalten. Genehmigungsverfahren müssen beschleunigt und die wirtschaftlichen Anreize verbessert werden.

Ich bin aber davon überzeugt: Wenn wir zusammenarbeiten, kann hier etwas wirklich Großes entstehen. Was früher die Kohle für das Ruhrgebiet war, kann künftig der Wasserstoff werden – der Antriebsstoff für eine ganze Region. Der Wirtschaftsstandort Nordrhein-Westfalen kann zum Vorreiter einer nachhaltigen industriellen Transformation werden, die Wohlstand und Arbeitsplätze sichert, das Klima schützt und den Unternehmen vor Ort einen echten Standortvorteil bietet.