Von Prof. Dr. Michael Hüther

Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln

Das Ruhrgebiet prägte – neben dem rheinischen Karneval und dem Duisburger Zoo – mein Nordrhein-Westfalen-Bild als Kind und Jugendlicher. Die sonntäglichen Ausflüge in die Gruga in Essen oder in den Dortmunder Westfalenpark waren verbunden mit dem Eindruck von viel Rost entlang des Weges. Die Erzählung meines Vaters, als Ingenieur in den fünfziger und sechziger Jahren an vielen Kraftwerksbauten an der Ruhr beteiligt, machte klar: Die Glanzzeit war vorbei, neue Kraftwerke wurde nur noch andernorts – in Bayern oder im Ausland – realisiert. Dafür spielte unverdrossen die Bergmannskapelle im Grugapark.

Begonnen hatten die Schwierigkeiten vor 60 Jahren mit der Kohlekrise, zu der zehn Jahre später erstmals eine Stahlkrise hinzukam. Die ökonomischen und sozialen Probleme im größten deutschen Ballungsraum konnten politisch nicht ignoriert werden. Keine nordrhein-westfälische Landesregierung vermochte sich dem entziehen. Doch der Befund für das Ruhrgebiet ist ernüchternd.

Mit nur noch 16,7 Prozent Wertschöpfungsanteil dominiert das Verarbeitende Gewerbe schon lange nicht mehr, während der Anteil deutschlandweit bei 23 Prozent liegt. Die deutschen Metropolregionen und Großstädte profitieren ganz überwiegend seit dem Jahr 2000 von einer steigenden Bevölkerungsentwicklung, im Ruhrgebiet ist hingegen in diesem Zeitraum die Einwohnerzahl um fast fünf Prozent auf 5,1 Millionen gefallen. Und während die Erwerbstätigkeit deutschlandweit seit dem Jahr 2000 um 7,9 Prozent angewachsen ist, legte sie im Ruhrgebiet nur leicht um 2,9 Prozent zu. Die Arbeitslosigkeit –  bundesweit seit 2005 stark gesunken auf 5,6 Prozent (2017) – lag im vergangenen Jahr bei rund zehn Prozent.

Zu den Belastungen durch den Strukturwandel kommen die Folgen politischen Unterlassens hinzu. So leidet das Ruhrgebiet trotz sehr dichter Autobahn- und Schienennetze infolge einer langen Phase zu geringer Investitionen in deren Ausbau und Unterhalt an gewaltigen Überlastungserscheinungen und bereits jahrzehntelang bestehender Engpässe. Viele Städte des Ruhrgebiets sind strukturell überschuldet und haben keinen finanziellen Spielraum für Investitionen; schon mit der Finanzierung ihrer Pflichtaufgaben sind sie überfordert. Die gemeindliche Steuerkraft liegt hier mit durchschnittlich 692 Euro je Einwohner (2015) deutlich unter dem Wert für die großen Städte (972 Euro) und in Metropolregionen (1.043 Euro).

„So wichtig digitale Startups und Gründungen von kleineren Dienstleistungsbetrieben sind. Das Ruhrgebiet braucht dringend mehr Gewerbeflächen, eine hohe Aufmerksamkeit und eine fundierte Strategie zur Revitalisierung.“

Wo liegen die Chancen? Das Ruhrgebiet ist heute eine Bildungsregion mit einem sehr dichten Besatz an Hochschulstandorten. Die Universitäten und Hochschulen an der Ruhr bilden die Grundlage für akademischen Nachwuchs in der Region, dabei wirken über 60 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen mit. Diese vielfältige Forschungslandschaft trägt inzwischen maßgeblich zur Bewältigung des Strukturwandels im Ruhrgebiet bei. Bei der Kooperation mit der Wirtschaft als auch bei Ausgründungen von Startups aus den Hochschulen und Forschungseinrichtungen gibt es indes noch viele ungenutzte Potenziale.

Im IW-Digital-Index (https://www.iwconsult.de/leistungen-themen/digitale-wirtschaft/digital-index/) übertrifft das Ruhrgebiet im Durchschnitt den deutschlandweiten Digitalisierungsgrad immerhin um 17 Prozent und schneidet damit ähnlich gut ab wie viele kreisfreie Städte. Langfristig sollte sich das Ruhrgebiet zwar eher mit den Großstädten messen lassen, die noch 5,6 Prozentpunkte besser abschneiden, aber ist die Region hier nicht abgehängt. Dies gilt auch für den Ausbau der digitalen Netze: Das Ruhrgebiet konnte 2017 eine Breitbandverfügbarkeit von 84,6 Prozent der Haushalte nachweisen und so mit anderen Metropolregionen mithalten, die auf 88,9 Prozent kommen. Hier gibt es also ebenso Potenziale.

Soll der Trend zur De-Industrialisierung umgekehrt werden, und der weiterhin hohen Arbeitslosigkeit auch durch Gewerbeansiedlungen entgegengewirkt werden, spielen Neuansiedlungen und Betriebserweiterungen eine zentrale Rolle. So wichtig digitale Startups und Gründungen von kleineren Dienstleistungsbetrieben sind. Das Ruhrgebiet braucht dringend mehr Gewerbeflächen, eine hohe Aufmerksamkeit und eine fundierte Strategie zur Revitalisierung. Dann kann die Bergmannskapelle vor weniger rostiger Kulisse weiterhin spielen und der Zukunft die notwendige Herkunft vermitteln.