Von Hendrik Neuhaus

Gesellschafter und Prokurist der Firma Wesco

NRW als bevölkerungsreichstes Land der Bundesrepublik mit seinen verschiedenen Metropol- und Wirtschaftsregionen steht vor großen Herausforderungen aber auch Chancen, wenn die politisch gesetzten Klimaschutzziele eingehalten werden sollen.

Eine echte Klimawende kann es nur dann geben, wenn die allgemeine Ohnmacht, die deutschlandweit projektierte Infrastrukturvorhaben umgibt, endet. Zu viele Bauvorhaben im Bereich des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs oder im Ausbau der erneuerbaren Energien scheitern oder verzögern sich schier endlos. Von einer Konjunkturstütze durch erhöhte staatliche Investitionen kann bei gegenwärtiger Rechtslage keine Rede sein, da das Geld beim Bund nicht abgerufen wird, bzw. nicht abgerufen werden kann. Das wäre auch dann so, wenn die Haushaltsausgaben gemäß der aktuell schwachen Konjunktur erhöht werden würden.

Die Bundesregierung bemühte sich zuletzt für einige wenige Infrastrukturprojekte, etwa für die Verbesserung der Wasserwege, beschleunigte Genehmigungsverfahren auf den Weg zu bringen. Doch welchen realen Effekt auf das Klima sollen solche sehr lokalen einzelnen Projekte wirklich haben?

Während sich Deutschland darin versucht, eine weltweite Vorreiterrolle in der Klimapolitik zu übernehmen, sinken andernorts die CO2-Emissionen pro Kopf deutlich stärker als bei uns. Grund ist, dass wir aus der nuklearen Energieversorgung aussteigen, gleichzeitig aber als Ersatz kaum neue Gaskraftwerke in Betrieb nehmen, die gegenüber der Kohleenergie erhebliche CO2- Einsparungen erlauben würden. In naher Zukunft sollen dann auch die Kohlekraftwerke abgeschafft werden. Fraglich ist, woher kostengünstige Energie für unsere Industrie zukünftig kommen könnte. Etwa aus Windkrafträdern, deren Energie nicht speicherbar ist? Aktuell ist zu befürchten, dass wir vor allem alte Kraftwerke in Nachbarstaaten am Leben erhalten, natürlich mit ausbleibendem positivem Effekt auf die Treibhausgasemissionen. Dieses „Klimaschutzparadoxum“ trifft sowohl private, als auch gewerbliche Stromverbraucherschadet dem Klima und leert den Geldbeutel.

Wir sollten nicht auf die Reformierung der Planfeststellung warten, sondern jetzt digitale Projekte suchen, bei denen wir konkret handeln können.“

Schaut man sich die Entwicklung der Rahmenbedingungen als junger Unternehmer in NRW an, so kommt man in Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit des eigenen Standorts stark ins Zweifeln. Was für Energiekosten werden künftig auf mich zukommen? Wird es unserer Industrie noch möglich sein wettbewerbsfähig zu produzieren? Ist die Befreiung der EEG-Umlage gesichert? Wird das Problem sich durch die CO2- Abgaben noch verschärfen? Diese Fragen stellen sich allein in Bezug auf die Energiepolitik. Andere strukturelle Probleme für den NRW-Unternehmer im Jahr 2020 sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.

Rechnet man alle Faktoren in Vollkostenrechnung durch, so zeichnet sich ein sehr düsteres Bild für unsere Wirtschaft ab. Wichtig ist es also, Erkenntnisse zu erlangen, wie wir unsere Industrie erhalten können und im besten Fall Wachstumsfelder für sie finden, die sich ggf. gerade durch die unglaublich großen neuen Herausforderungen ergeben.

Lang warten kann unsere Wirtschaft nicht, denn dann werden mühsam erarbeitete Standortstärken, die nach dem Wandel von Montan und Kohle erst einmal gefunden werden mussten, schon wieder zu Nichte gemacht.

Nicht zuletzt ist heute neben den klassischen Faktoren ein digitales Umfeld ein echter Standortfaktor. Das bedeutet für die politischen Entscheider nicht nur ein Glasfaserkabel in ein Gewerbegebiet zu legen, sondern Digitalprozesse kommunal oder gar landesweit omnipräsent zu integrieren. Vorteil für die Unternehmen: Die Arbeitgeber können von einer erhöhten Aufgeschlossenheit ihrer Mitarbeiter gegenüber neuen technologischen Entwicklungen ausgehen. Digitale öffentliche Verwaltungen arbeiten schneller. Unternehmen können sich mit ihrer Umgebung identifizieren und damit werben.

Von digitaler Allgegenwertigkeit sind wir in NRW noch ein ganzes Stück entfernt.

Zwischen dem, was unsere Industrie entwickelt, produziert und größtenteils exportiert, und dem, was uns die öffentliche Hand bietet, liegen teilweise Jahrzehnte. Ein Ungleichgewicht, dass wir in NRW zur Stützung unserer heimischen Industrie ausgleichen sollten! Wir sollten nicht auf die Reformierung der Planfeststellung warten, sondern jetzt digitale Projekte suchen, bei denen wir konkret handeln können. Es gilt, in einem sich veränderten ökologisch geprägtem Umfeld neue Tätigkeitsfelder durch die Digitalisierung für unsere Industrie zu entdecken.