Von Friedrich Danne

1. Vorsitzender Handelsverband Nordrhein-Westfalen Südwestfalen

Clevere Innenstadtkonzepte sind jetzt wichtiger denn je.

Bummeln mit der Freundin, der Besuch des Wochenmarktes, ein Eis mit der Familie, ein Cappuccino und Leute beobachten… ist das bald Geschichte?

Die filigranen und komplexen Strukturen unserer Innenstädte drohen, zerstört zu werden. Die Probleme sind bekannt. Was kann diesen Prozess aufhalten und die Attraktivität der Städte stärken? Oft wird der Einzelhandel als Motor der Innenstädte bezeichnet. Die Fakten sprechen dafür: Auf 125 Millionen m² Verkaufsfläche erzielen 330.000 Unternehmen im stationären Einzelhandel mit 3,6 Millionen Mitarbeitern einen Nettoumsatz in Höhe von 540 Milliarden Euro (2019). Das entspricht einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt von 15,5%.

Doch der Motor stottert….

Der HDE rechnet für 2021 mit der Schließung von bis zu 50.000 Unternehmen. Welche Auswirkungen könnte das haben? Einige Beispiele:

Die Mitarbeiterstruktur im Einzelhandel setzt sich zu 26% aus geringfügig Beschäftigten, zu 36% aus Teilzeit- und zu 38% aus Vollzeitkräften zusammen. Nicht wenige Beschäftigte der ersten beiden Kategorien sichern mit ihrem Gehalt die Finanzstruktur der Familie (z.B. die Hausfinanzierung, den kleinen Luxus oder das Studium der Kinder). Die Bewertung innerstädtischer Immobilien würde in Städten mit zahlreichem Leerstand deutlich sinken; Banken würden sie als Sicherheit weniger akzeptieren. Dank fallender Mieten wäre die Investitionsneigung der Vermieter in ihre Objekte gering. Das Einkaufserlebnis verliert seinen Reiz; in den Augen der Kunden wandelt sich das Einkaufsgefühl vom Erlebnis hin zur reinen Versorgungfunktion.

Wenn diese und andere negative Trends weiter Raum greifen, haben die Städte mittelfristig nicht mehr viel zu bieten, weder im Handel noch in der Gastronomie! Wie kann dieser Prozess nicht nur gestoppt, sondern umgekehrt werden?

„Wir brauchen endlich Standort-Gemeinschaften.“

Zuerst ist aus Handelssicht die Beendigung des Lockdowns von existentieller Bedeutung! Es ist schwer zu vermitteln, warum die Einzelhändler aufwändige Schutz- und Hygienemaßnahmen in ihren Geschäften installiert haben und trotz 20 m² / Kunde – Regel nicht öffnen dürfen (von der Nähe der Friseure zu ihren Kunden möchte ich hier gar nicht erst reden…). Jedem Einzelhändler ist inzwischen sicher klar geworden, dass der Wandel der Handelslandschaft eine Veränderung seiner bisherigen Strukturen und Absatzstrategien notwendig macht. Viele Händler sehen ihren Weg klar vor sich, andere müssen auf die richtige Spur gebracht werden. Da helfen zur Zeit unter anderem die Berater und Programme der Landesregierung, die IHKs und die Verbände.

Doch die Anpassung des Handels an diese geänderten Paradigmen ist nur ein Teil der Lösung. Deshalb:

Wir brauchen endlich Standort-Gemeinschaften!

Seit den Innenstadt – Problemen der 80er/90er Jahre („grüne Wiese“) reden die Verbände gebetsmühlenartig von dieser idealen Form der Standort-Symbiose. Jetzt ist dieser Ansatz die ultima ratio! Ohne eine konzertierte Aktion von Einzelhandel, Gastronomie, Autohäusern, Baumärkten, Vermietern, Kultur und Stadtverwaltung kann diese Herkules-Aufgabe nicht gelingen! Erste gute Ansätze sind erkennbar, auch und gerade von Seiten der Verwaltungen: Das Sofortprogramm zur Stärkung der Innenstädte ermöglicht es teilnehmenden Stadtverwaltungen, leer stehende Geschäfte anzumieten und Existenzgründern zur Verfügung zu stellen (https://www.mhkbg.nrw/themen/bau/land-und-stadt-foerdern/zukunft-innenstadt-nordrhein-westfalen).

Die NRW Landesregierung hat dieses ebenfalls erkannt, wie ich am vergangenen Montag im Gespräch mit Prof. Pinkwart erfahren durfte. Unter dem Arbeitstitel „Innovationsraum Innenstadt“ entwickeln Kommunalministerin Ina Scharrenbach, Wirtschaftsminister Pinkwart und Finanzminister Lutz Lienenkämper eine Arbeitsgrundlage für einen Expertenkreis.

Auf gutes Gelingen; oder möchten Sie zukünftig alle Samstage nur noch zu Hause verbringen?