Von Dr. Luitwin Mallmann

Hauptgeschäftsführer unternehmer nrw

Wenn in den kommenden Wochen Bilanz für den NRW-Ausbildungsmarkt gezogen wird, richtet sich wahrscheinlich weiterhin ein sorgenvoller Blick auf das Ruhrgebiet. Denn was das rechnerische Verhältnis von Ausbildungsplätzen und Ausbildungsbewerbern angeht, ist das Bild eindeutig: Das Ruhrgebiet liegt hinter dem NRW-Durchschnitt zurück.

Daraus aber den Schluss zu ziehen, Ausbildung hätte im Ruhrgebiet keinen hohen Stellenwert, wäre grundfalsch. Dies zeigt ein zweiter, differenzierter Blick auf die Ausbildungssituation im Ruhrgebiet:

Im Revier hat sich das Angebot an Ausbildungsplätzen in den vergangenen Jahren erhöht. Ihre Zahl hat zwischen 2013 und 2018 um zwölf Prozent zugelegt. Und auch 2019 zeichnet sich ein erneutes Plus ab.

Auch ist das Ausbildungsengagement im Ruhrgebiet gemessen an der Ausbildungsbetriebsquote keineswegs gering. Bei dieser Quote liegt das Ruhrgebiet in etwa im NRW-Durchschnitt, und der ist höher als der Wert für Deutschland insgesamt. Selbst Bayern und Baden-Württemberg müssen hier erstaunt nach Nordrhein-Westfalen blicken.

Diese beiden Befunde zeigen, dass die Ausbildung im Ruhrgebiet einen hohen Stellenwert hat und sich die Betriebe für ihren Fachkräftenachwuchs engagieren. Gleichzeitig ist der Ausbildungsmarkt hier von ähnlichen Herausforderungen geprägt wie der Markt insgesamt in NRW:

Wie in anderen Regionen des Landes ist das Matching zwischen Ausbildungsplätzen und -bewerbern auch im Revier nicht einfach – im Gegenteil: 2018 blieben hier 2.120 Ausbildungsplätze unbesetzt (deutlich mehr als doppelt so viele wie 2013), obwohl gleichzeitig noch 1.820 Bewerber einen Ausbildungsplatz gesucht haben.

Zudem ist das Ruhrgebiet kein einheitlicher Markt, sondern von zum Teil deutlichen regionalen Unterschieden geprägt. Kommunen mit einem nahezu ausgeglichenen Verhältnis von Ausbildungsplätzen und -bewerbern wie Essen oder Mülheim stehen einzelne Kommunen gegenüber, in denen rein rechnerisch zwei Bewerber auf eine Ausbildungsstelle kommen.

Welcher Handlungsbedarf ergibt sich nun hieraus, um die Ausbildungspotenziale des Ruhrgebietes noch besser zu erschließen – auf Seiten der Betriebe wie auf Seiten der Jugendlichen?

Die grundsätzlich starke Ausbildungsleistung der Betriebe zeigt, wie wichtig es ist, die Wirtschaftsstruktur zu stärken: Ein unternehmensfreundliches Klima ist die beste Ausbildungsförderung – das gilt gerade für das Ruhrgebiet. Ein Potenzial, das es zu nutzen gilt, ist die mittlerweile starke Start-up-Landschaft im Revier. Mit gezielter Unterstützung und Beratung müssen junge Firmen für Ausbildung gewonnen werden – zum Beispiel über Ausbildungskooperationen mit anderen Start-ups oder etablierten Betrieben.

Damit sich die vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet nicht weiter verfestigt und vererbt, gilt es, gezielt junge Menschen aus bildungsfernen Milieus bei ihrem Übergang in Ausbildung zu unterstützen. Ein interessanter Ansatz sind die Talentschulen, die die individuelle Förderung an sozial schwierigeren Standorten verstärken. Immerhin liegen 22 der ersten landesweit 35 Talentschulen im Ruhrgebiet.

Neue Ausbildungsplätze zu gewinnen ist das eine, vorhandene Plätze möglichst umfassend zu besetzen, das andere. Damit dies gelingt, müssen junge Menschen frühzeitig auf das große Spektrum an Berufs- und Tätigkeitsfeldern aufmerksam gemacht und für einen offenen Blick auf die enorme Vielfalt von Angeboten sensibilisiert werden. Wichtig ist dafür eine fundierte Berufsorientierung, die Kernelement der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss (KAoA)“ der Partner des Ausbildungskonsenses NRW ist. Sie gilt es konsequent umzusetzen.

Ein entscheidender Faktor ist auch die Bereitschaft mobil zu sein. Sie beginnt häufig im Kopf: Bin ich bereit, für einen spannenden Ausbildungsplatz in die Nachbarstadt zu fahren? Gerade im Ruhrgebiet sind die räumlichen Distanzen oft gar nicht so groß. Und ein Vorteil dieser Region ist auch, dass die Verkehrsinfrastruktur grundsätzlich da ist.

Und nicht zuletzt: Eine starke Ausbildung fußt auf starken Berufsschulen. Auch hier hat das Ruhrgebiet als Ballungsraum eine erhebliche Chance: Kooperationen über Schulträgergrenzen hinweg sind hier besonders gut möglich. Kooperationen etwa bei Ausstattung oder ergänzenden Qualifizierungsangeboten können dazu beitragen, in der Fläche ein hochwertiges, bedarfsgerechtes Berufsschulangebot sicher zu stellen.

Mein Fazit: Eine starke Ausbildung bedeutet Zukunft für das Ruhrgebiet. Nur mit gut qualifizierten Fachkräften wird das Revier prosperieren. Und sie ist die große Chance für junge Menschen, die in ihrer Heimat leben und arbeiten wollen.