Dr. Wilhelm von Moers

Geschäftsführer Handelshof Management GmbH, BGA-Vizepräsident und Vorsitzender des BGA-Tarif- und Sozialpolitischen Ausschusses

„Bauholz ist das neue Toilettenpapier.“ Bei den Kunden des Großhandels bricht allmählich Panik aus. Die offensichtlichen Probleme auf den Beschaffungsmärkten führen nicht nur zu Besorgnis, sondern auch zu Gegenreaktionen. Mittlerweile beginnen Handwerksbetriebe Baumaterialen zu hamstern, um sich gegen Versorgungsengpässe zu wappnen. Wie kommt es zu diesen bislang unbekannten Problemen auf den nationalen und internationalen Märkten?

Ein ganzes Bündel von Gründen ist verantwortlich für die derzeitigen Störungen im Markt. Hohe Kapazitätsauslastungen, Rohstoffengpässe und weltweite Logistikprobleme haben die internationalen Lieferketten in einer so bisher noch nicht gekannten Weise durcheinander gewirbelt. Hinzu kommt eine Fülle von Einzelaspekten.

Die Seefracht ist vor allem durch ein enormes Ungleichgewicht in der Verfügbarkeit von Containern zwischen westlichen und asiatischen Häfen eingeschränkt. Gleichzeitig wird dieses Ungleichgewicht durch den Kapazitätsabbau in der Linienschifffahrt weiter verschärft. Als Folge von pandemiebedingten Produktionsstopps und Werkschließungen lagern immer mehr Container zentral an einem Ort und stehen für andere Destinationen nicht mehr zur Verfügung. Hieraus resultiert eine anhaltende mangelnde Verfügbarkeit von 20-Fuß- und 40-Fuß-Containern in den asiatischen Häfen. Schließlich kam zu allem Überfluss auch noch der Unfall im Suezkanal hinzu: Da die großen Containerschiffe im Linienverkehr von Asien über Europa bis nach Südamerika und wieder zurückfahren, blieben Container mit Fleisch in Südamerika stehen und mussten per Luftfracht nach Deutschland importiert werden, wo es wegen der Pandemie ebenfalls starke Beeinträchtigungen gab und auch immer noch gibt. Während die Frachtraten steigen, werden die Wartezeiten immer länger. Zusätzlich beeinträchtigt derzeit die Schließung von Buchungsportalen für Frachtcontainer der großen Reedereien den Warentransport auf dem Seeweg.

„Lassen wir die Marktkräfte wirken und unterlassen wir politische Eingriffe und damit zusätzliche Belastungen für die Unternehmen. Sie verstärken nur noch die Probleme und verzögern die Rückkehr zur Normalität.“

Hinzu kommen die merkwürdigsten Zusammenhänge. Nur ein Beispiel: Die Chemikalienhändler klagen über einen Mangel an Verpackungsmaterialien für ihre Produkte, insbesondere spezielle Kunststoffe, deren Grundstoffe als Nebenprodukt der Kerosinherstellung abfallen. Die Formel heißt also simpel: „Kein Flugverkehr, keine Verpackungen.“

Aber neben diesen pandemiebedingten Ursachen schaltet sich nun auch die Politik „helfend“ ein. Anstatt auf das Korrektiv des Marktes zu vertrauen, glauben deutsche Politiker, mit Exportverboten, Zöllen oder anderen Folterinstrumenten die deutsche Wirtschaft retten zu können – für eine der größten Handelsnationen der Welt ein Albtraum.

Neuester Wahlkampfhit ist das sogenannte Lieferkettengesetz, das gut gemeint, aber schlecht gemacht ist. Es wird zwar den Menschen vor Ort nicht helfen, aber uns aus den Märkten verdrängen. Während deutsche Importeure Märkte aufgeben müssen, werden die Konkurrenten nachstoßen.

Das Gesetz sieht die Einhaltung menschenrechtlicher und umweltbezogener Sorgfaltspflichten entlang der gesamten Wertschöpfungskette für alle Zulieferstufen vor – von unmittelbaren bis hin zu mittelbaren Zulieferern, von der Beschaffung von Rohstoffen über (Finanz-)Dienstleistungen bis hin zur Entsorgung. Dies ist schlichtweg nicht in der Realität abzubilden, schon gar nicht für ein mittelständisches Unternehmen. Nun werden Kenner der Materie einwenden, dass das Gesetz doch nur für Unternehmen mit mehr als 3.000 bzw. 1.000 Mitarbeitern gelten soll. Auch wenn das stimmt, so werden durch die Einbeziehung der mittelbaren Zulieferer auch mittelständische Unternehmen belastet werden. Größere Unternehmen, die unter das Gesetz fallen, werden die Verträge mit ihren kleineren Geschäftspartnern so gestalten, dass sie ihre Pflichten weiterreichen. Zudem ist das Gesetz an vielen Stellen nicht klar formuliert. In diesen wirtschaftlich unsicheren Zeiten benötigen Unternehmen jedoch zumindest Rechtssicherheit.

Anstatt den deutschen Außenhandel zu beschweren, müssen wir für mehr Resilienz sorgen, indem wir die internationalen Lieferketten stärker diversifizieren. Durch Protektionismus und die Nichtumsetzung von Freihandelsabkommen wie CETA sowie Mercosur wird jedoch genau das Gegenteil bewirkt.

Mein Fazit: Es gibt nicht nur einen Grund, sondern viele. Corona hat die Märkte vorübergehend durcheinander gewirbelt. Lassen wir die Marktkräfte wirken und unterlassen wir politische Eingriffe und damit zusätzliche Belastungen für die Unternehmen. Sie verstärken nur noch die Probleme und verzögern die Rückkehr zur Normalität. Langfristig muss die Politik sich für stabile Rahmenbedingungen stark machen. Ein so exportabhängiges Land wie Deutschland ist auf freie Märkte angewiesen. Was sich zwischen den USA und China abzeichnet, ist eine große Gefahr für Deutschland und Europa. Hierauf muss sich die Politik konzentrieren, auch und gerade in Wahlkampfzeiten. Europa muss voran gebracht werden. Nur ein starkes, solidarisches Europa hat eine Überlebenschance in dieser sich stark wandelnden Welt.