Von Dr. Luitwin Mallmann

Hauptgeschäftsführer der Landesvereinigung der Unternehmensverbände NRW

Was bedeutet „Rendite“? Wie kann ich für das Alter vorsorgen? Und wofür ist ein Girokonto da? Junge Menschen wissen heute nur sehr begrenzt über wirtschaftliche Themen Bescheid. Untersuchungen zeigen deutliche Wissenslücken bei ganz alltäglichen Fragen. Und das ist nicht nur eine Diagnose von Dritten – auch die jungen Menschen selber sehen Handlungsbedarf: Eine große Mehrheit wünscht sich mehr wirtschaftliche Themen in der Schule und ein eigenständiges Fach dafür. Es sprechen also gute Gründe dafür, ein Schulfach Wirtschaft einzurichten – so wie es in den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und FDP für NRW aktuell angekündigt wurde. Ich begrüße diesen Schritt ausdrücklich. Denn unsere Welt ist in vielerlei Hinsicht von wirtschaftlichen Themen und Zusammenhängen geprägt – ob es manchen gefällt oder nicht. Und statt junge Menschen hier im Regen stehen zu lassen, müssen wir sie gut darauf vorbereiten, sich in dieser Welt zu Recht zu finden. Ein Schulfach Wirtschaft leistet dazu einen wichtigen Beitrag – und das in zweifacher Hinsicht:

Zum einen kann und muss ein Schulfach Wirtschaft ein Grundverständnis für ökonomische Zusammenhänge vermitteln. Damit trägt es maßgeblich dazu bei, dass aus jungen Menschen urteilsfähige und mündige Bürger werden. Es geht nicht darum, Griechenland-Krise, Rentensystem oder Globalisierung von A-Z analysieren zu können. Es geht vielmehr darum, ein Grundverständnis für die wirtschaftlichen Zusammenhänge dahinter entwickeln zu können. Denn nur so ist ein eigenes Urteil in diesen Fragen möglich. Und wer Zusammenhänge versteht, kann nicht zuletzt auch ökonomische Scheinargumente und undifferenzierte Behauptungen von Populisten besser einschätzen. Wirtschaftsbildung ist damit gleichzeitig Demokratiebildung.

Zum anderen leistet ein Fach Wirtschaft auch ganz praktische Lebenshilfe. Wer nach der Schule einen Ausbildungsvertrag abschließt, sollte wissen, welche Rechte und Pflichten damit verbunden sind. Wer eine Studentenwohnung mietet, sollte wissen, was im Mietvertrag beachtet werden sollte. Wer zum ersten Mal auf eigenen Füßen steht, sollte wissen, welche Versicherungen sinnvoll sind. Hier ließen sich viele weitere Beispiele dafür anführen, wo Wirtschaftskompetenz in der Lebenswirklichkeit der jungen Menschen gefragt ist. Sie alle machen klar: Ein Schulfach Wirtschaft heißt auch ganz konkret „Für’s Leben lernen“.

Für eine fundierte Vermittlung wirtschaftlicher Kompetenzen ist ein eigenständiges Schulfach der richtige Weg. Denn das gelingt nicht nebenbei, verstreut auf viele andere Fächer. Schüler lernen ja auch nicht Französisch allein dadurch, dass in Geschichte die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 und in Musik Chansons von Jacques Brel analysiert werden. Verknüpfungen mit anderen Fächern sind gut und auch für das Fach Wirtschaft sinnvoll – aber ohne fundierte, systematisch vermittelte Grundlagen in einem eigenständigen Fach trägt das nicht.

„Ein Schulfach Wirtschaft heißt auch ganz konkret „Für’s Leben lernen“.

Inhaltlich – und das betone ich ganz ausdrücklich – ist für das Fach Wirtschaft ein breit angelegtes, ausgewogenes Themenspektrum erforderlich. So gehört zu einem Fach Wirtschaft selbstverständlich Verbraucher- und Finanzbildung, ebenso Arbeitnehmerinteressen und gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen. Hinzu kommt die unternehmerische Seite im Sinne eines positiven Unternehmerbildes, das jungen Menschen auch Mut zum Unternehmertum macht. Insgesamt müssen die Themen immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven (z.B. Arbeitnehmer/Arbeitgeber, Verbraucher/Anbieter) beleuchtet werden.

Ein solches Fach – ausgewogen, facettenreich und praxisnah – kann nicht von heute auf morgen umgesetzt werden. Das ist kein Appell zum Zurücklehnen. Aber Qualität muss Vorrang vor Zeit haben. Wichtig sind sorgfältig erarbeitete Lehrpläne und insbesondere auch ein Qualifizierungskonzept für die Lehrkräfte. Daran sollte nun engagiert gearbeitet werden. Angeknüpft werden kann an vielfältige Erfahrungen, beispielsweise aus unserem Netzwerk SCHULEWIRTSCHAFT, in dem Schul- und Wirtschaftsseite seit vielen Jahren vertrauensvoll und auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Insgesamt sollten die wirtschaftlichen Akteure des Landes – dazu zähle ich ausdrücklich auch die Gewerkschaften – bei der Umsetzung des neuen Faches eingebunden werden.

Noch ein letztes, mir aber sehr wichtiges Wort: Ein Schulfach Wirtschaft ist kein Fach der Wirtschaft oder für die Wirtschaft. Es ist kein Fach zur Verbreitung neoliberaler Prinzipien. Es ist vielmehr ein Fach für junge Menschen – damit sie mündige, urteilsfähige, engagierte und verantwortungsbewusste Bürger, Verbraucher und Arbeitnehmer bzw. Unternehmer werden.