Von Hajo Schumacher

Journalist und Autor

Wie die Marktwirtschaft erwürgt wird und der Plattformkapitalismus sich in sein Gegenteil verkehrt.

Zu den bekanntesten Schwindeleien von Wirtschaftskapitänen gehört das Bekenntnis zum Wettbewerb, der die Qualität hoch und die Preise niedrig halten soll. Insgeheim aber träumen Unternehmer von einer marktbeherrschenden Stellung, ganz gleich, ob es der Blumenladen im Viertel ist oder ein Konzern. Bisweilen herrscht auch Scheinwettbewerb, wenn ein ganzes Regal voller Haarpflegeprodukte im Drogeriemarkt von einem einzigen Konzern stammt, nur in unterschiedlichen Verpackungen.

Amazon hat bislang wohl das schlauste Konzept entwickelt, um das marktwirtschaftliche Prinzip des Wettbewerbs zu untergraben, das Ludwig Erhard als alternativlos betrachtete für eine faire Marktwirtschaft. Wer im Internet handelt, kommt am globalen Digitalwarenhaus fast nicht vorbei. Amazon ist eine Produkt-, aber auch eine Händlerplattform, so groß und mächtig, dass sie sich dem Wettbewerb weitestgehend entzieht.

Amazon organisiert und kontrolliert vielmehr Märkte, eine Rolle, die im Erhard’schen Modell nicht vorgesehen war. Und die andere ebenfalls beherrschen. Wer eine App vertreiben oder im Netz gefunden werden will, kommt an Googles Play Store nicht vorbei. Wer seine Werbung gezielt auf Menschen richten will, braucht Facebook. Aber nicht das Gesetz bestimmt die Regeln, sondern jeder Konzern selbst. Wer die AGB von Google, Amazon oder Apple nicht akzeptiert, bekommt sein Produkt nicht auf einem globalmonopolen Marktplatz ausgestellt, die App nicht in den weltgrößten Store oder wird Produkte herstellen, die nicht auffindbar sind. Wer keinen Zugang hat, darf nicht mitspielen.

Der Berliner Soziologe Philipp Staab von der Humboldt-Universität warnt wie der Wirtschaftswissenschaftler Oliver Nachtwey (Universität Basel) vor der Gefahr »proprietärer Märkte« und »soziotechnischer Ökosysteme«, die soziale Marktwirtschaft wie Demokratie erschüttern. Der Internet-Vordenker Sascha Lobo spricht von Plattformen, weil Digitalunternehmen weniger physische Waren produzieren, sondern Ökosysteme organisieren, die wie Märkte aussehen.

Staab hat die Risse, die der digitale Kapitalismus verursacht, mit wissenschaftlichem Röntgenblick untersucht. Seine These: Die globalen digitalen Player sind keine Unternehmen, sondern bilden eigene Märkte mit eigenen Regeln. Apple, Amazon, Google oder ihre chinesischen Wettbewerber vermitteln nicht neutral zwischen Anbietern und Kunden, sondern kontrollieren rigide. Amazon etwa kennt als Plattformbetreiber alle Betriebsgeheimnisse der Konkurrenten, ob Preisgestaltung, Margen, Werbestrategien, Remittenten – Informationen, die der Anbieter Amazon als Wettbewerbsvorteil nutzen kann. Eine soziale Marktwirtschaft, die der Politik das Definieren eines Ordnungsrahmens für fairen Wettbewerb zumaß, wird abgelöst vom »Akkumulationsregime« (Staab), vulgo: Monopol.

Staab definiert fünf Arten von Plattformen, die wiederum von den beiden dominierenden Betriebssystemen Android und iOS beherrscht sind, und vier Methoden der Kontrolle, etwa von Informationen oder Marktzugang. Eine Smart City etwa, die sich auf GoogleMaps verlässt, muss damit rechnen, dass nur Googles Mobilitätsdienstleister wie der Rollervermieter Lime angezeigt werden. Auf vier Wegen kontrollieren die Großen diese Märkte: Sie verfügen über exklusive Informationen und regeln den Zugang. Diese Super-Monopole oder »proprietären Märkte« bedeuten das Ende der sozialen Marktwirtschaft, die wiederum das ökonomische Fundament jener Demokratie bildet, die uns seit 70 Jahren zuverlässig dient.

Jack Ma, Gründer der chinesischen Plattform Alibaba, ist überzeugt, dass die Digitalisierung in eine neue Planwirtschaft führt, jenes Wirtschaftsmodell, das den Sozialismus ruinierte. Warum? Wenn alle Geräte in Echtzeit alle verfügbaren Daten liefern, können sie Angebot und Nachfrage darstellen und die Marktkräfte letztlich idealtypisch abbilden. Rohstoffe, Produktion, Verbrauch ließen sich zentral steuern, nicht für den Gewinn Einzelner, sondern zum Wohl aller. So ließen sich Klima schonen, Hunger und Arbeitslosigkeit bekämpfen. Eine perfekte Datenlage ersetzt das freie Wuseln des Marktes. Soweit der Plan.

„Was also ist das gemeinsame strategische Ziel von Facebook, Google und den anderen? Ganz einfach: Der Wilde Westen muss noch möglichst lange weiterbestehen.“

Die Planwirtschaft nach sowjetischer Bauart scheiterte an mangelnder Informationsdichte und -verarbeitung. Weil der Staat nur ein paar Tausend Produkte kontrollieren konnte, entstand parallel ein nach kapitalistischen Regeln von Angebot und Nachfrage funktionierender Schwarzmarkt. Amazon, so behaupten Phillips/Rozworski in ihrem Buch »Volksrepublik Walmart«, komme der Planwirtschaft dank Daten nun erstaunlich nahe. Das Unternehmen berechnet vom Tippen des Kunden auf »Bestellen« bis hin zum Liefermoment so ziemlich alles Messbare: Wetter, Fahrzeuge, Vorräte, aber auch die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Kunde wann was bestellen wird. Ähnlich funktioniert die Supermarktkette Walmart. Dagegen hatte der Kaufhauskonzern Sears sich in kleinere, miteinander konkurrierende Abteilungen geteilt. Das Experiment mit Wettbewerb nach kapitalistischem Lehrbuch scheiterte. Ende 2018 stand Sears vor der Insolvenz.

Zentraler Unterschied von Marx’ und Bezos’ Planwirtschaft: Amazon dient den Aktionären, nicht der Allgemeinheit. So gleichen Amazon oder Alibaba in ihren Grundzügen doch eher klassischen Monopolen, die ebenfalls in Zeiten kultureller Umbrüche wuchsen, etwa dem Öl-Imperium von John D. Rockefeller, dem ersten Milliardär der Weltgeschichte. Rockefeller hatte 1863 eine kleine Raffinerie erworben und von dort aus den amerikanischen Ölhandel nach und nach unter seine Kontrolle gebracht, von der Raffinerie über den Bahntransport, von den Pipelines bis zu den Händlern. Rockefeller hatte seinen Reichtum weniger dem harten, freien Wettbewerb als vielmehr einer konsequenten Monopolstrategie mit umfassendem Kontrollanspruch zu verdanken.

Dazu gehörten Maschinen, die Spaß machten und zuverlässig verbrauchten. Was heute der Zeitfresser Smartphone ist, war damals das Automobil, eine Traummaschine, die sich rasend verbreitete, inklusive Öldurst. Auch nach China expandierte Rockefellers Standard Oil Company. Dorthin verkaufte er nach dem Prinzip Nassrasierer zunächst sehr billig neue, schicke Lampen, die allerdings nur mit seinem Petroleum zu betreiben waren. So wurde die traditionelle Beleuchtung mit Pflanzenöl-Funzeln ausgelöscht.

Spannende Frage: Wie lange kann ein Monopol bestehen? Nicht ohne Interesse werden die Milliardäre des Silicon Valley registriert haben, dass Rockefellers Imperium erst 1911 zerschlagen wurde, knapp 50 Jahre nach dem Start. In der Zwischenzeit hatte der Ölbaron ein Vermögen angehäuft, aus dem zahllose Spenden getätigt wurden. Der gerissene Geschäftsmann ist im kollektiven Bewusstsein der USA als großer Wohltäter verankert. Microsoft-Gründer Bill Gates hat mit seiner Stiftung schon nachgelegt.

Was also ist das gemeinsame strategische Ziel von Facebook, Google und den anderen? Ganz einfach: Der Wilde Westen muss noch möglichst lange weiterbestehen. Regulierer und Politiker sind zu verwirren, Bürgerrechtler und Medien ruhigzustellen, das eigene Ökosystem ist weiter auszubauen. Und potenzielle Konkurrenten sind vom Markt zu jagen. Die Politik kommt früh genug. Wenn sie sich überhaupt traut.