Von Moritz Döbler

Chefredakteur Rheinische Post

Das gesellschaftliche Leben wird nach der Pandemie – wann auch immer das sein wird – anders als vorher sein. Darüber herrscht schnell Einigkeit, aber noch ahnen wir allenfalls, wie diese neue Normalität sich gestaltet. Schon jetzt erscheinen uns Filme, bei denen sich fremde Menschen ohne Maske und ohne Distanz begegnen, sich vielleicht sogar umarmen, wie aus der Zeit gefallen. Dienstreisen und Tagungen, Urlaube und Partys, Weihnachtsmärkte und Karneval – gestrichen.

Noch richten sich große Hoffnungen auf das nächste Jahr. Aber viele davon sind unrealistisch. Gerade hat uns die zweite Pandemiewelle erreicht, Herbst und Winter liegen vor uns, und dass ein Impfstoff vor Mitte 2021 für die Mehrheit der Menschen in Deutschland verfügbar sein wird, ist nicht anzunehmen. So wird sich vieles verfestigen, was erst nur wie ein Provisorium erschien.

Die digitale Revolution beschleunigt sich im Schatten der Pandemie, wie die phantastischen Zuwächse bei Online-Versandhändlern, Anbietern von Konferenzsoftware und Streamingdiensten zeigen (nicht zu vergessen: die enorm gestiegene digitale Reichweite klassischer Medien, auch der Rheinischen Post). Hinzu kommt, dass die Distanzregeln, die eingeschränkten Reisemöglichkeiten und das weit verbreitete Homeoffice einen Rückzug ins Private erzwingen. Das Corona-Biedermeier löst die Bussi-Gesellschaft ab. Wer ein Jahr lang alle Reisepläne storniert und nur selten ausgeht, bleibt im Zweifel dabei.

Das gilt wohl auch für das Homeoffice, mit weitreichenden Folgen. Wenn künftig viele Menschen ganz oder überwiegend in ihrer Wohnung arbeiten, werden sich die Städte stark verändern. Der Schreibtisch muss eben nicht mehr unbedingt in einer Metropole stehen, sondern man kann als Angestellter auch weit weg in einem Dorf im Allgäu, in einer Wohnung am Ostseestrand oder auf einer spanischen Ferieninsel arbeiten. Großstädte müssen also attraktiver sein als heute, etwa durch einen erlebnisorientierten Einzelhandel und ein erstklassiges Kultur- und Freizeitangebot. Wenn weniger Menschen in der Stadt sein müssen, wird es stärker darum gehen, warum sie denn dort sein wollen sollen.

„Noch richten sich große Hoffnungen auf das nächste Jahr. Aber viele davon sind unrealistisch.“

In all dem liegen mittel- und langfristig große Chancen für Unternehmer – auch wenn jetzt der Blick noch auf die Risiken gelenkt wird. Die Pandemie hat Deutschland in eine tiefe Rezession geführt, die wohl erst im kommenden Jahr vollständig sichtbar werden wird. Die Kurzarbeit verschleiert die Risiken am Arbeitsmarkt, staatliche Finanzhilfen und gelockerte Insolvenzregeln verzögern die drohende Pleitewelle. Und zur Wahrheit gehört auch: Viele der Geschäftsmodelle, die jetzt zerbrechen, waren schon vorher unter Druck.

Bald wird sich deutlicher als heute zeigen, wer zu den Verlierern und wer zu den Gewinnern der Krise gehört. Es zeichnet erfolgreiche Unternehmer aus, darauf nicht zu warten. Gefragt sind Produkte und Dienstleistungen, Geschäftsmodelle und Organisationsformen, die in die sich abzeichnende neue, viel digitalere Normalität passen. Am Ende hat nicht die Spanische Grippe die Welt verändert, sondern die industrielle Revolution. Und heute, ein Jahrhundert später, verändert nicht Corona die Welt, sondern die digitale Revolution – und wir stehen erst an ihrem Anfang.