Von Dr. Franz-Josef Overbeck

Bischof von Essen

Vor ein paar Tagen ging ein Bild um die Welt, das mich nachdenklich machte. Darauf zu sehen waren dutzende Bergsteiger, die in weit über 8000 Metern in einer Schlange stehen, um für einen einzigen kurzen Moment allein auf dem Mount Everest zu sein. Das Foto vom Stau am Gipfelgrat des Everests steht sinnbildlich für eine gesellschaftliche Entwicklung, die ich sehr kritisch betrachte. Auf der Suche nach dem Individuellen, das mich von der ‚Masse‘ unterscheidet und abhebt, wird die Masse zur Gefahr – denn sie besteht aus Individualisten, die das Einzigartige suchen.

Dieses Paradox begegnet in so machen Lebensbezügen und wird leider nur selten als solches erkannt. Während man Mittelmäßigkeit mit Scheitern gleichsetzt, kann der Erfolg nur im Besonderen liegen. Gemäß dieser Regeln gesellschaftlicher Anerkennung wird ein durchschnittliches ‚Leben in der Mitte‘ nicht mehr als gut und gelingend betrachtet. Oft lassen sich auch politische Entscheidungsträger dazu verleiten, diesen Anspruch auf Einzigartigkeit zu fördern und zu fordern. Im Fokus stehen dann Leuchtturmprojekte, die nicht nur darauf abzielen, Städte und Kommunen voneinander unterscheidbar zu machen, sondern sie gemäß der Mount-Everest-Logik von der ‚Masse‘ anderer Städte und Regionen abzuheben. Wenn aber alle so handeln, dann kommt es im ‚Streben nach oben‘ unweigerlich zum Stau. Für diejenigen, die alle Ressourcen für den Aufstieg aufwenden, sich dann aber in der wartenden Masse wiederfinden, kann es bei dünner Luft gefährlich werden. Selbstverständlich sind meine Überlegungen kein Plädoyer gegen all das, was Städte und Menschen besonders macht. Ich habe nur manchmal den Eindruck, dass das Streben nach vermeintlicher Einzigartigkeit die bestehenden Besonderheiten gefährdet, da nicht mehr ausreichend die Sorgen und Nöte der Menschen in den Blick genommen werden, die – hier vor Ort und im besten Sinne des Wortes – maßvoll in der Mitte leben wollen.

„Das Besondere des Ruhrgebiets liegt in einer gewachsenen Kultur des Miteinanders, die eben von der breiten Masse der Bevölkerung gepflegt wird und deshalb auch nur dort erhalten werden kann. „

Das Besondere des Ruhrgebiets liegt in einer gewachsenen Kultur des Miteinanders, die eben von der breiten Masse der Bevölkerung gepflegt wird und deshalb auch nur dort erhalten werden kann. Als Ruhrbischof kann ich aus tiefster Überzeugung sagen: Das christlich-soziale Grundprinzip der Solidarität wird ganz sicher nicht überall so selbstverständlich unter den Menschen gelebt, wie im Ruhrgebiet. Das gilt es, im Interesse von uns allen auch in Zukunft lebendig zu halten.

Was bedeutet das? Nach dem obersten Grundsatz der Soziallehre der Kirche „muss der Mensch der Träger, Schöpfer und das Ziel aller gesellschaftlichen Einrichtungen sein.“ Jeder Mensch ist Person mit einer unveräußerlichen Würde. Wahres Menschsein kann nicht alleine gelingen. Es bedeutet immer auch, Verantwortung für andere zu übernehmen. Menschen können sich nur als Mitmenschen verwirklichen. Daraus ergibt sich die Verpflichtung, füreinander einzustehen. Wer das beherzigt, handelt solidarisch, stärkt nach seinen Kräften das Gemeinwohl und lebt nach dem Grundsatz, dass der Mensch als Person im Zentrum stehen muss. Das ist der Kerngedanke von Individualität in Gemeinschaft: Einzigartigkeit ist ein Geschenk, das im Mit-Menschsein empfangen wird. Hier liegt die Grundlage für Freiheit und Kreativität. Wenn wir Anerkennung aber nur dann gewähren, wenn es Menschen gelingt, sich von anderen ‚abzuheben‘, dann legen wir die Axt an die Wurzeln einer solidarischen Gesellschaft.

Als Ziel der Ruhr-Konferenz wird eine starke, international bedeutsame Metropolregion Ruhr beschrieben, die sich europäisch verortet und den Menschen verbesserte, zukunftsfähige Lebensbedingungen bietet. Damit dies gelingen kann, ist auch ein mutiger Perspektivenwechsel gegen den Trend gefragt: die Mitte muss wieder Maß für gesellschaftliches und politisches Handeln werden.