Von Torsten Withake

Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit

Die Auswirkungen der Corona-Virus-Pandemie am Arbeitsmarkt sind deutlich sichtbar. Zum Beispiel bei der Arbeitslosigkeit, die rund 20 Prozent über dem Vorjahr liegt. Dass die Arbeitslosenquote einmal um 1,3 Prozentpunkte einbrechen könnte – das hatten wir, das hatte ich mir nicht vorstellen können.

Doch bietet der Arbeitsmarkt im Corona-Jahr auch die Möglichkeit für andere Beobachtungen. Seit Juli sinkt die Arbeitslosigkeit spürbar wieder. Von Monat zu Monat kräftiger als in den vorhergehenden Jahren. Ich will nicht sagen „ich war überrascht“, schließlich gab es ja noch keine Erfahrung mit einer Pandemie. Doch beeindrucken mich die Energie, die Kraft, auch die Lust und die neuen Ideen, mit denen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber nach dem Lockdown im Frühjahr wieder angefangen haben zu wirtschaften – um schließlich wieder neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu suchen. Das ist ein beeindruckendes Signal – von Resignation angesichts einer bedrohlichen Pandemie mit ungewissen Ausgang ist nichts zu spüren.

Ein etwas kühlerer Blick auf den Arbeitsmarkt verrät Weiteres: Unternehmen und Betriebe finden derzeit offenbar einfacher als in den vergangenen Jahren qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Engpass für Fachkräfte spielt aktuell eine geringere Rolle, da einige Unternehmen aufgrund der Pandemie-Auswirkungen bewährtes und qualifiziertes Personal entlassen mussten. Diese sind jetzt sozusagen „auf dem Markt“.

Damit berühren wir einen Punkt, den wir schon seit Jahren im Blick haben: Die Qualifikation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in NRW. Ein Perspektivwechsel, der mir als Arbeitsmarktexperten am Herzen liegt, verdeutlicht die Herausforderung eindringlich: Gut zwei Drittel der arbeitslos gemeldeten Menschen in NRW haben keine Qualifikation, die ausreicht, um wieder zurück in eine sich schrittweise weiter modernisierende Arbeitswelt zu finden. Darüber hinaus schlummert in den Betrieben noch vielfach Potential an fachlichem Know-how.

Das kann auch Auswirkungen für die Wirtschaft in NRW haben: Sobald die schlimmsten Auswirkungen der Pandemie bewältigt sind, werden die starken, landesweiten Fachkräfte-Engpässe der vergangenen Jahre wiederkehren. Das kann sogar ein Risiko für die Wachstumsprozesse sein, die wir dringend brauchen, um die Folgen der Pandemie schnell wieder zu überwinden. Zumal die Pandemie in vielen Arbeitsfeldern als beschleunigende Treiberin für technologische Transformationen wirkt.

Deshalb ist für mich ausgemacht, dass es gerade jetzt wichtig wird, dass wir in die Weiterbildung investieren. Und zwar sowohl in die Qualifizierung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, als auch der Menschen, die am Arbeitsmarkt eine neue Anstellung suchen. Das ist nicht selbstverständlich, schließlich haben wir angesichts der wiederkehrenden Einschränkungen im öffentlichen Leben, die möglicherweise noch länger unseren Alltag prägen werden, zunächst ganz andere Sorgen.

Doch worum geht es bei Weiterbildung? Die bei weitem umfangreichsten Veränderungen durch Strukturwandel und Digitalisierung führen nicht zum Wegfall von Berufsbildern, sondern zu ihrem stark Wandel – ohne dass die Berufe wegfallen. Routinetätigkeiten als Teile von Berufen fallen weg, neue Tätigkeiten kommen hinzu – und die erfordern von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern neue Qualifikationen, aber auch die Freude am lebenslangen Lernen. Der Wandel in den Berufen lässt sich nur durch Weiterbildung auffangen; durch Weiterbildung und Qualifizierung in Unternehmen und Betrieben, und durch Qualifizierung arbeitsloser Menschen.

„Ich habe zu Beginn von der Entschlossenheit, dem Mut und den neuen Ideen vieler Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber gesprochen, die jetzt, in der Pandemie, besonders sichtbar geworden sind. Ich bin überzeugt, dass zu diesen Neuanfängen auch die gelebte Kultur von Qualifizierung und Weiterbildung gehören wird. Es ist jetzt die Zeit, sich mit ihr auseinanderzusetzen, damit wir stärker aus der aktuellen Krise hervorgehen.“

Natürlich ist da auch noch die duale Ausbildung. Sie ist eine der tragenden Säulen der Wirtschaft in NRW. Das war zuletzt wieder gut zu spüren als es im Ausbildungskonsens NRW darum ging, gemeinsam den Corona-Einbruch am Ausbildungsmarkt zu verhindern. Andererseits nimmt nicht nur die technologische, sondern auch die demografische Entwicklung zunehmend Fahrt auf. Die steigende Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern trifft vermehrt auf Fachkräfte, die in den Ruhestand gehen und weniger Schülerinnen und Schüler, die die Schulen verlassen. Und nicht zuletzt: Auch die Azubis von heute müssen als Fachkräfte von morgen dem Wandel begegnen. Nachfrage, Demografie, lebenslanges Lernen – das sind drei Argumente, warum die Weiterbildung einen ähnlichen Status erhalten sollte, wie ihn die duale Berufsausbildung schon immer hat.

Ein zweiter Punkt sollte nicht unerwähnt bleiben: Wir müssen uns fragen, welche Qualifizierungen wir in Zukunft benötigen.

Um eine neue Kultur der Weiterbildung anzustoßen, hat der Gesetzgeber in den vergangenen zwei Jahren einige arbeitsmarktpolitische Türen geöffnet. Vor allem kleinere und mittlere Unternehmen und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können besonders davon profitieren, sich unterstützen und fördern lassen. In diesen Zusammenhang gehört auch die Möglichkeit, zuvor arbeitslose Menschen anzustellen und im Unternehmen zu qualifizieren.

Gute Arbeitsmarktpolitik muss auf Nachfrage reagieren. Welche Qualifizierungen wir in Zukunft benötigen, um aktiv langfristige Transformationsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft aufzugreifen, ist natürlich zunächst einmal eine gemeinsame Hausaufgabe der Arbeitsagenturen, Jobcentern und der Bildungsanbieter. Doch ohne die Arbeitgeberseite geht es nicht. Wohin die Reise geht, welche Qualifizierungen jetzt und in Zukunft gebraucht werden, das sind Fragen, die nur gemeinsam beantwortet werden können. Wie man diesen Dialog gestalten kann, erproben wir derzeit in zwei Regionen in NRW. Auch dieser Austausch gehört zu einer neuen Kultur der Weiterbildung, die es uns ermöglicht, langfristig wirtschaftlich stark zu bleiben, weil wir über die qualifizierten Köpfe verfügen.

Ich habe zu Beginn von der Entschlossenheit, dem Mut und den neuen Ideen vieler Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber gesprochen, die jetzt, in der Pandemie, besonders sichtbar geworden sind. Ich bin überzeugt, dass zu diesen Neuanfängen auch die gelebte Kultur von Qualifizierung und Weiterbildung gehören wird. Es ist jetzt die Zeit, sich mit ihr auseinanderzusetzen, damit wir stärker aus der aktuellen Krise hervorgehen.