Von Bernd Tönjes

Vorsitzender des Vorstands der RAG-Stiftung

Hier bei uns muss man nicht lange darüber nachdenken, was es hieß, wenn einem gesagt wurde:Bei den seine schwatte Klüsen isser sicher en Dokter vonne Püttrologie.“. Manche lässt das heute Schmunzeln, und viele kennen das noch – aber diese Zeiten sind vorbei. 

In den letzten Jahren wurde ich immer wieder zum absehbaren und gesetzlich geregelten Auslauf des deutschen Steinkohlenbergbaus befragt. Zuerst in meiner Rolle als RAG-Chef, dann als Vorstandsvorsitzender der RAG-Stiftung. Ich habe immer offen dazu gestanden, dass auch mir persönlich das Ende des Steinkohlenbergbaus nahe geht. Schließlich habe ich zu Beginn meiner beruflichen Jahre auf dem Pütt gearbeitet und weiß mit Kopf und Herz die Mentalität und die Verlässlichkeit der Kumpel zu schätzen. Aber auch ich blicke heute nach vorn, auf eine Zeit ohne Bergbau, in der wir längst angekommen sind.

Schwatte Klüsen hatte ich auch. Wir alle hier wissen sehr genau, wo wir herkommen. Aber das heißt nicht: Festhalten, nicht: Stillstand. Es heißt nicht: Melancholie. Das wäre unverantwortlich den nachfolgenden Generationen gegenüber. Spätestens als Reviersteiger Jürgen Jakobeit auf der Zeche Prosper Haniel in Bottrop das letzte Stück Kohle am 21. Dezember 2018 an den Bundespräsidenten übergeben hat, dürften es alle begriffen haben. Die Zeichen stehen auf Aufbruch.

Wir sind im Nachbergbau angekommen, deshalb heißt es jetzt: Anpacken, Chancen nutzen! Transformation heißt die neue Lösung, wenn wir uns im Ruhrgebiet eine Zukunft geben wollen.

Bekenntnisse zur Zukunft des Ruhrgebiets sind wohlfeil. Es ist viel nachgedacht und diskutiert worden, die Konzepte liegen auf dem Tisch. Auch wir haben eine große Studie zur Zukunft des Reviers vorgelegt. Mittel- oder unmittelbar sind wir als RAG-Stiftung bei vielen zukunftsweisenden Projekten unterstützend aktiv. Unser Kapitalstock zur dauerhaften Finanzierung der Ewigkeitsaufgaben – unserem nach Satzung primären Stiftungszweck ist solide. Und so beteiligen wir uns an der Zukunftsgestaltung unserer Region.

Doch ich gestehe meine grundsätzliche Ungeduld. Mir geht die Transformation oft zu schleppend. Meine Perspektive für eine gelingende Transformation richtet sich auf die kommenden acht bis zehn Jahre. Mehr Zeit sollten und dürfen wir uns nicht geben.

Tatsache ist: Im Ruhrgebiet ist der Wandel stets präsent. Vor 200 Jahren weideten hier noch Vieh und Pferde. Doch es kam zu tiefgreifenden Veränderungen, die Bauern blieben nicht unter sich. Das Land erlebte bis heute Aufstieg und Niedergang der Montanindustrie. Die Industrialisierung und der in dieser Zeit stetig steigende Bedarf an Arbeitskräften führten dazu, dass am Ende die rund fünf Millionen Menschen hier leben, die aktuell in der Metropole Ruhr zuhause sind. Heute nicht mehr mit bis zu 600.000 Bergleuten wie ehemals, sondern ohne Zechen und – verglichen mit früher – mit nur einer Handvoll Kumpels, die dafür sorgen, dass der Rückbau und die bergbaulichen Abschlussarbeiten geordnet vonstattengehen.

Aber ohne die junge Generation werden wir es nicht packen. Wir müssen sie viel stärker einbeziehen und ihnen Perspektiven eröffnen.“

Status Quo: Fast keine Kumpels mehr im Revier – aber dafür heute 270.000 Studierende an 21 Hochschulen. Was sagt uns das?

Für mich liegt dort ein Schlüssel, vielleicht sogar die lang gesuchte Zauberformel für die Zukunft des Reviers: Jugend x Bildung = Zukunftschance. Olympia wird wichtig sein und von uns nach Kräften unterstützt, die bauliche und die verkehrliche Infrastruktur, eine attraktive Urbanität, die Digitalisierung, alles das und noch viel mehr muss verbessert werden, sicher.

Aber ohne die junge Generation werden wir es nicht packen. Wir müssen sie viel stärker einbeziehen und ihnen Perspektiven eröffnen. Und nur wenn es uns gelingt, hoch qualifizierten Studenten ein attraktives Umfeld mit beruflichen Möglichkeiten zur Selbstentfaltung zu schaffen, werden wir sie halten und anziehen können.

In meiner Vision für das Ruhrgebiet im Jahre 2030 sehe ich ein  hochattraktives Revier. Mit jungen Menschen und Familien, die hier gerne leben und arbeiten. Mit Ideenschmieden für digitale Industrien. Mit prosperierenden zukunftsfähigen Kooperationen nationaler und internationaler Bedeutung. Ich sehe ein Revier, das interessant ist für Investoren aus aller Welt. Auch mit einer Start-up Kultur, die unsere hochqualifizierten Studenten bleiben lässt.

Helmut Schmidt hat vor fast 40 Jahren einmal gesagt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Das sehe ich entschieden anders. Wer Visionen hat, ist uns willkommen, er möge ins Ruhrgebiet kommen, und/oder hierbleiben und die Dinge vorantreiben.

Diese neue Schicht verfahren wir zusammen. Ohne „schwatteKlüsen vonne Maloche Untertage“, sondern mit klarem Blick Richtung Zukunft!