Von Hildegard Müller

Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA)

Die Corona-Krise, eine nie dagewesene Transformation und die angekündigte Verschärfung der CO2-Ziele der Europäischen Kommission (EU) – die deutsche Automobilindustrie steht aktuell vor der größten Herausforderung ihres Bestehens. Insbesondere die Corona-Pandemie hat unsere Unternehmen aktuell schwer getroffen. Die Maßnahmen zur Eindämmung von Corona waren richtig, aber sie haben auch dazu geführt, dass die Pkw- und Nutzfahrzeugmärkte in den vergangenen Monaten massiv eingebrochen sind. Die Folgen spüren wir weiterhin. So sind Pkw-Märkte in Europa im August nach ersten Erholungsanzeichen im Vormonat wieder im zweistelligen Bereich geschrumpft, auf das Jahr bezogen erwarten wir derzeit für den europäischen Markt ein Minus von rund 24 Prozent. Die europäischen Märkte für schwere Nutzfahrzeuge verzeichneten in den ersten sieben Monaten des Jahres sogar ein Minus von 37 Prozent. Nun gilt es trotzdem, die Krise zu bewältigen und die gleichzeitige Transformation entschlossen voranzutreiben. Dafür ist eine gemeinsame Kraftanstrengung von Industrie und Politik nötig.

Der Markteinbruch trifft dabei nicht nur die großen Hersteller und Zulieferer, sondern vor allem die vielen kleinen und mittleren Unternehmen in unserer Branche. Diese Unternehmen bilden das Rückgrat der mittelständischen, regional verteilten Industrie und sind verantwortungsvolle Arbeitgeber. Ein wichtiges Instrument zur Stabilisierung der Branche in dieser angespannten Situation ist aktuell sicher die Kurzarbeit. Das Beispiel Nordrhein-Westfalen zeigt, wie wichtig es ist: Insgesamt waren im August 940.000 Beschäftigte in NRW in Kurzarbeit. Die Automobilindustrie war dabei überdurchschnittlich betroffen. Kurzarbeit ist ein sinnvoller Hebel, um Unternehmen zu helfen, in schwierigem Fahrwasser Kurs halten zu können. Es sollte aber befristet sein und kann nicht zur Dauerlösung werden.

Eine aktuelle VDA-Umfrage zeigt, dass die Krisenbewältigung noch viel Zeit kosten wird. Jeder zweite Zulieferer in der Automobilindustrie rechnet damit, erst im Jahr 2022 das Vorkrisenniveau wieder zu erreichen. Jeder zehnte sogar erst im Jahr 2023. Sechs von zehn Zulieferunternehmen planen als Folge der Corona-Krise verstärkten Personalabbau. Darüber hinaus gibt jedes fünfte Unternehmen an, unter den gegenwärtigen Bedingungen die Liquidität ohne größere Anpassungen nur noch für maximal zwei bis drei Monate sichern zu können. Die Fördermaßnahmen und das Konjunkturpaket der Bundesregierung wirken zwar, doch die Lage bleibt angespannt.

„Damit sich die Automobilindustrie rasch erholen und schnell wieder zur Stärkung der jeweiligen Volkswirtschaft der Staaten beitragen kann, dürfen den Unternehmen nicht ständig zusätzliche Belastungen aufgebürdet werden.“

Nötig sind nun effizientes Krisenmanagement und gleichzeitig der Blick nach vorne. In der letzten Sitzung der „Konzertierten Aktion Mobilität“ (KAM) wurde neben wichtigen Weichenstellungen zum autonomen Fahren zwischen Politik und Wirtschaft beschlossen, sich mit Szenarien auseinanderzusetzen, wie gerade Zulieferern in dieser heiklen Situation noch besser geholfen werden kann. Zuallererst müssen aber bereits beschlossene Maßnahmen aus dem Konjunkturpaket nun zielgerichtet umgesetzt werden. Zu nennen sind hier insbesondere das beabsichtigte EU-Programm für Nutzfahrzeuge und die gezielten Programme zur Stabilisierung und Transformation der Zulieferer. Dies ist genauso wichtig, wie die Beschleunigung des Infrastrukturausbaus für die Ladeinfrastruktur, ohne die der engagierte Hochlauf im Bereich Elektromobilität nicht zu schaffen ist. Es ist ein positives Zeichen, dass Politik und Industrie weiter gemeinsam an Lösungen arbeiten.

Angesichts der angespannten Lage gibt es zudem auch Überlegungen für ein marktwirtschaftliches Konzept zur Stärkung des Eigenkapitals bei Zulieferern. Diese Ideen begrüßen wir grundsätzlich. Eine Beteiligung des Staates bei Unternehmen ist dabei aber nicht das Ziel. Gefragt ist privatwirtschaftliches Potenzial. Der Staat könnte unterstützend zur Risikoabsicherung beitragen.

Damit sich die Automobilindustrie rasch erholen und schnell wieder zur Stärkung der jeweiligen Volkswirtschaft der Staaten beitragen kann, dürfen den Unternehmen nicht ständig zusätzliche Belastungen aufgebürdet werden. Ein Negativbeispiel dafür ist die Ankündigung der EU-Kommission aus der vergangenen Woche, die CO2-Ziele für 2030 zu verschärfen, inklusive der Flottengrenzwerte für Pkw. Das bedeutet eine massive Beschleunigung des bereits laufenden Transformationsprozesses, der auf viele Unternehmen einwirkt. Gerade unter den kleineren Zulieferern handelt es sich oft um hoch spezialisierte Unternehmen, die ihre Produktion nicht so rasch umstellen können. Auf ihnen lastet bereits besonders hoher Druck.

Die Automobilindustrie bekennt sich ausdrücklich zu den Klimaschutzzielen von Paris und zum Ziel der Klimaneutralität in 2050. Unsere Industrie treibt die Transformation dafür selbst entschieden voran. So werden die deutschen Automobilhersteller ihr Modellangebot an E-Fahrzeugen innerhalb der nächsten drei Jahre von 70 auf knapp 150 mehr als verdoppeln, dies bedeutet Investitionen von rund 50 Milliarden Euro in alternative Antriebe, neben der Elektromobilität auch in Wasserstoff und E-Fuels. Darüber hinaus investieren Hersteller und Zulieferer in diesem Zeitraum rund 25 Milliarden Euro in die Digitalisierung. All das darf in der Diskussion nicht übersehen werden. Zusätzliche Belastungen in der weltweiten Konjunkturkrise in Folge der Corona-Pandemie belasten die Unternehmen weiter und gefährden Arbeitsplätze.

„Germany at its best.“ – das ist nicht nur der Slogan von Nordrhein-Westfalen, das gilt auch besonders für uns in der Automobilindustrie. Wir sind eine Schlüsselindustrie, die in ganz Deutschland für Beschäftigung, Wohlstand und Wachstum sorgt. Wir brauchen nun rasch die richtigen Lösungen, um die Krise zu bewältigen und die Transformation erfolgreich zu gestalten. Das gilt gerade auch für unseren Mittelstand.