Von Andreas Ehlert

Präsident der Handwerkskammer Düsseldorf

Nordrhein-Westfalen hat sich im Wettbewerb mit anderen Bundesländern viel zu lange mit dem Relegationsplatz zufriedengegeben. Das Wirtschaftswachstum verläuft seit vielen Jahren unterdurchschnittlich, unser Bundesland ist zum Brennpunkt von Langzeitarbeitslosigkeit geworden. Zu lange hat man der „guten, alten Zeit“ von Kohle und Stahl nachgetrauert und den „Strukturwandel“ verzögert. Nordrhein-Westfalen braucht mehr Zukunftsmut und muss zu einem Standort mit herausragender Innovationskultur werden! Aus der Erfahrung des Handwerks kommt es dazu auf vier Grundregeln an:

  1. Innovation braucht Freiheit!

Wir dürfen die Entscheidung, was innovativ ist, nicht der Politik überlassen! Wie eine irrlichternde Innovationspolitik an sich selbst scheitern kann, zeigt sich derzeit an der Diesel-Debatte: Bis auf den heutigen Tag wird der Diesel-Antrieb über die Mineralölsteuer subventioniert. Gleichzeitig droht der Umweltgesetzgeber mit Fahrverboten für genau diese subventionierten Fahrzeuge. Und dazu wird mit aller Macht auch noch die Elektromobilität gepusht. Welche Botschaft soll denn da bei Unternehmen, Forschern oder Verbrauchern ankommen?

Wir müssen uns vor vorschnellen Antworten einer Politik hüten, die sich im Dickicht ihrer Lenkungsmaßnahmen und Förderinstrumente selbst verirrt. Wir müssen offen sein für Innovationen, die niemand vorhersieht. Innovation bedeutet ja gerade, dass etwas Neues, etwas Unvorhergesehenes, etwas Ungeplantes passiert. Jemand macht eine Erfindung. Jemand kombiniert Wissen, das vorher noch niemand kombiniert hat. Dahinter stehen unzählige, dezentrale Suchprozesse. Es ist der Wettbewerb, der als Entdeckungsverfahren fungiert.

  1. Innovation braucht Unternehmertum!

Eine zweite Erfahrung aus dem Handwerk lautet deshalb: Innovation braucht Unternehmer. Ein breit verankerter Mittelstand ist die beste Voraussetzung für eine dezentrale, kreative Innovationskultur. Das sieht man nicht nur in Baden-Württemberg oder der Schweiz, sondern auch in vielen Regionen Nordrhein-Westfalens. Aber aus der Tradition von Bergbau und Energiewirtschaft neigen wir zu sehr dazu, auf große Einheiten zu setzen. Hinzu kommt, dass wir in Nordrhein-Westfalen eine überzogene Neigung zu wirtschaftlicher Betätigung der öffentlichen Hand haben.

„Nordrhein-Westfalen braucht mehr Zukunftsmut und muss zu einem Standort mit herausragender Innovationskultur werden!“

Wir müssen mehr Anstrengungen darauf setzen, mittelständischen Unternehmergeist in Nordrhein-Westfalen zu wecken. Wir müssen jungen Menschen Lust auf Unternehmertum machen, wir müssen Existenzgründungen und Unternehmensübergaben erleichtern. Wir müssen ein attraktives Umfeld für unternehmerisches Engagement schaffen!

  1. Innovation braucht Unternehmer, die den Kopf dafür frei haben, tatsächlich Unternehmer zu sein!

Eine dritte Erfahrung aus dem Handwerk lautet: Unternehmer müssen den Kopf für die strategische Führung ihres Unternehmens frei haben. Es ist ja leicht gesagt, dass unsere Unternehmen innovativer werden müssen. Aber im Alltag plagen sie sich mit bürokratischen Problemen aller Art herum. Aktuell zum Beispiel mit der Datenschutzgrundverordnung der EU oder der Gewerbeabfallverordnung. Die Bemühungen um „Entfesselung“ in Nordrhein-Westfalen in allen Ehren, aber wenn man dem Bürokratiekraken in Düsseldorf einen Tentakel abschlägt, wachsen zwei Fangarme nach. Einer in Berlin, einer in Brüssel. Wer sich als Unternehmer überwiegend um Dokumentationspflichten für Finanzämter, Datenschutzbehörden oder Berufsgenossenschaften kümmern muss, hat keine Zeit, sein Unternehmen zu führen und Innovationen voranzubringen.

  1. Innovation braucht Qualifikation!

Und wir im Handwerk haben eine vierte Erfahrung: Innovation braucht Qualifikation – bei Unternehmern genauso wie bei Mitarbeitern. Wir brauchen keine unternehmerischen Eintagsfliegen ohne Kompetenz und ohne jede Haftung. Wir brauchen nachhaltige Gründungen mit Substanz und Verantwortung. Es sind bei uns qualifizierte Gründungen und stabile Unternehmen, die zu Innovations- und Jobmotoren werden.

Gerade hier in Nordrhein-Westfalen haben wir viel zu lange der Illusion aufgesessen, dass jeder Mensch Abitur und Studium zu seinem Lebensglück braucht. Wir im Handwerk sind dagegen fest davon überzeugt, dass berufliche Bildung die beste Grundlage für eine breit verankerte Innovationskultur ist. Das ist keine Bildung im Elfenbeinturm, sondern das ist Bildung im Wettbewerb, in der Lebenspraxis, das ist Erziehung zur Verantwortung.