Klartext im Westen

Der NRW-Wirtschaftsblog

Industriemüdigkeit vorbeugen – Mehr Wertschätzung für Wertschöpfung

Von Karl-Josef Laumann

Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen

Wenn ich die Zeitung aufschlage, gewinne ich mehr und mehr den Eindruck, dass in Deutschland ein neuer Trend um sich greift. Ich würde ihn „Industriemüdigkeit“ nennen. Die Ansiedlung moderner Fabriken, große Infrastrukturprojekte sowie günstige und versorgungssichere Energie stoßen in der öffentlichen Diskussion zunächst auf generelle Skepsis – örtlich sogar auf erheblichen Widerstand. Stattdessen begeistern sich die Menschen für grüne Energien und breite Fahrradstraßen in den Innenstädten, smarte Start-Ups und kleine Manufakturen. Das sind populäre, mehrheitsfähige Themen.

Um nicht missverstanden zu werden: Auch ich denke, dass das wichtige Themen sind. Und ich kann nachvollziehen, dass sich Menschen für neue Formen des Wirtschaftens interessieren. Allzu oft wird dabei aber vergessen, wer seit dem Wirtschaftswunder unseren Wohlstand schafft: Das ist vor allem die Industrie. Das gilt für Nordrhein-Westfalen mehr als für jedes andere Bundesland. So ist die Bruttowertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe mit 83.215 Euro in NRW immer noch deutlich größer als beispielsweise im Dienstleistungssektor (62.048 Euro).

Durch die Finanzkrise sind wir auch deshalb so gut gekommen, weil wir nach wie vor eine breite industrielle Basis haben. Weil wir in Deutschland nicht dem Trend gefolgt sind, unsere Banken zu entfesseln und den Finanzsektor zum Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung zu machen. Ich hatte bislang immer den Eindruck, dass wir aus diesem Fehler, der Anfang des Jahrtausends gemacht wurde, gelernt haben.

Umso mehr wundere ich mich dann, wenn ich höre, dass wir wieder einmal unsere Wirtschaft umbauen sollen. Dass wir jegliche Start-Ups – selbst wenn ihre Geschäftsidee noch so abwegig ist – fördern müssen, um irgendwann ein „deutsches Google“ zu haben. Dass wir nur so unseren Wohlstand bewahren können.

Ich denke dann an das, was im Taxigewerbe versucht wurde: Billiger zu sein und so die traditionellen Wettbewerber zu verdrängen – auf Kosten der Fahrer, der Solidargemeinschaft und der Versorgungssicherheit. Innovativ sein, indem man über Jahrzehnte hart erkämpfte Arbeitnehmerrechte schleift. Die Reihe schlechter Vorbilder lässt sich noch weiter ergänzen: Man denke zum Beispiel an die Arbeitsbedingungen in einigen Unternehmen der Luftfahrt- und der Pflegebranche oder an diverse Lieferdienste und Logistiker.

Aus Sicht der Verbraucher sind günstige Preise für Produkte und Dienstleistungen natürlich erstmal toll – vor allem, wenn sie „modern“ per App geordert werden können. Aus Sicht der Arbeitnehmer sind sie oftmals eine Katastrophe, da an ihnen gespart wird. Geiz ist eben nicht geil.

„Eine verantwortungsvolle Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, um den industriellen Kern unserer Wirtschaft zu bewahren. Nicht durch Abschottung, sondern indem wir gute Gesetze machen, die den Unternehmen helfen, wettbewerbsfähig und innovativ zu bleiben sowie nachhaltiger zu werden.“

Ich bin daher zumeist skeptisch, wenn ich allzu rosige Zukunftsprognosen lese, die auf neuen merkwürdig-innovativ anmutenden Branchen, Produkten und Wertschöpfungsketten basieren. Ich plädiere stattdessen dafür, auf dem aufzubauen, was wir in Nordrhein-Westfalen haben – und unsere Stärken weiterzuentwickeln.

Wir haben eine starke industrielle Basis. Unsere Unternehmen produzieren seit Jahrzehnten innovative, weltmarktfähige Produkte. Wir haben eine gut ausgebildete, selbstbewusste Arbeitnehmerschaft, die auf ihre Rechte pochen und diese auch durchsetzen kann. Deshalb entwickeln Unternehmer hierzulande die Betriebe gemeinsam mit den Belegschaften weiter. Das ist in meinen Augen ein ganz wichtiger Faktor für Innovation. Und wir haben eine gute ausgebaute Infrastruktur und eine gut ausgebildete, effektive Verwaltung, um die uns die Welt beneidet.

Als Landesregierung müssen wir nun die Unternehmen dabei unterstützen, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Das gilt für den internationalen Dax-Konzern, genauso wie für den gestandenen Mittelständler und den lokal verwurzelten Handwerksbetrieb. Ich sehe unsere Unternehmen hier bereits auf einem guten Weg.

Ich will aber auch die Mitbestimmung fit machen für das digitale 21. Jahrhundert. Denn nicht nur die Betriebe, sondern auch die Belegschaften sollen vom technischen Fortschritt profitieren. Das gilt ganz besonders für Start-ups und Tech-Unternehmen. Wir wollen keine Digitalisierung auf Kosten der Arbeitnehmerrechte.

Eine verantwortungsvolle Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, um den industriellen Kern unserer Wirtschaft zu bewahren. Nicht durch Abschottung, sondern indem wir gute Gesetze machen, die den Unternehmen helfen, wettbewerbsfähig und innovativ zu bleiben sowie nachhaltiger zu werden. Denn der Faktor Nachhaltigkeit gehört natürlich auch zu einem modernen Industriestandort. Eine Schwerindustrie, die Emissionen wie in den 60er Jahren in die Luft bläst, wäre heute nicht mehr tragbar. Sie würde am Ende unsere Lebensgrundlagen zerstören.

Wir dürfen aber auch nicht durch eine einseitig industriefeindliche Haltung das Fundament unseres Wohlstands gefährden. Dem Trend der Industriemüdigkeit müssen wir uns gemeinsam entgegenstellen. Als Arbeitgeber, Arbeitnehmer und natürlich auch vonseiten der Politik. Es gilt dafür zu werben, was uns stark macht und uns durch so viele Krisen geführt hat: Und das ist unsere Industrie.

1 Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Minister,
    vielen Dank für Ihren Wirtschaftblog und Ihre Worte. Es tut gut und ist beruhigend, wenn ein Politiker sich in heutiger Zeit klar zu unserer Industrie bekennt und sogar darauf aufmerksam macht, dass ein neuer Trend von „Industriemüdigkeit“ um sich greift. Mein Eindruck ist jedoch, dass dieser Trend nicht ganz so neu ist, sich aber vor dem Hintergrund von Klimawandel und Digitalisierung rasant verschärft. Bereits im Jahr 2012 haben wir als Verband der Saarhütten eine Studie zur regionalwirtschaftlichen Bedeutung der Stahlindustrie im Saarland veröffentlicht, um bewusst zu machen, dass es nicht nur um die Stahlindustrie, sondern um viel mehr geht.

    In diesem Zusammenhang ist der Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung mit dem Ziel der nahezu vollständigen Dekarbonisierung unserer Wirtschaft und Gesellschaft bis 2050 besorgniserregend. Die Europäische Kommission hat am 28.11.2018 ihre Langfriststrategie für eine klimaneutrale Wirtschaft bis 2050 verabschiedet und damit das aktuelle europäische Klimaziel, bis 2050 den Treibhausgasausstoß um 80-95 Prozent zu senken, weiter verschärft.

    Die Strategie der Europäischen Kommission ist für energieintensive Industrien, wie die Stahlindustrie, existenzbedrohend. Aber nicht nur die Stahlindustrie ist betroffen. Eine Umsetzung der Strategie hätte eine Deindustrialisierung in ganz Europa zur Folge. Verschiedene extreme Wetterereignisse weltweit haben dieses Jahr gezeigt, dass wir alle vom Klimawandel betroffen sind. Um dieser Entwicklung entgegenzutreten, hat die EU bereits ambitionierte Ziele. Der Anteil Europas an den weltweiten Treibhausgasemissionen beträgt knapp 10 Prozent, der von Deutschland gerade mal rund 2 Prozent. Alleingänge der EU oder Deutschlands nützen nichts, solange die größten Emittenten wie USA und China oder schnell wachsende Schwellenländer wie Türkei, Indonesien und Vietnam sich nicht ambitionierter am Klimaschutz beteiligen.

    Bei der Vorstellung der Strategie schließt EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete nicht aus, dass ganze Industriezweige verschwinden werden. Insbesondere Sektoren, die an fossilen Energieträgern, wie beispielsweise Kohle hingen, könnten dem Wandel zum Opfer fallen. Hierzu zählt auch die Stahlindustrie – eine hochmoderne Industrie, von der allein im Saarland direkt und indirekt insgesamt 22.000 Arbeitsplätze abhängen. Da ist es wenig beruhigend, wenn Cañete in seinem Gastkommentar im Handelsblatt vom 3.12.2018 den energieintensiven Branchen in Deutschland versichert, dass er ihre Bedenken verstehe und die EU dies insbesondere durch Umschulungsmöglichkeiten berücksichtigen wird, damit die Arbeitnehmer an der klimaneutralen Wirtschaft teilhaben können.

    Am 22.10.2018 haben die Stahlländer der Bundesrepublik Deutschland eine Allianz gebildet, um sich für die Stahlindustrie und damit für einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor und einen Beschäftigungsgarant in Deutschland einzusetzen. Die Kräfte der Stahlländer zu bündeln ist sehr gut und wichtig, aber es geht um viel mehr als nur die Stahlindustrie. Es geht um funktionierende Wertschöpfungsketten und somit auch um die Kunden der Stahlindustrie, wie z.B. die Automobilindustrie. Es geht um die Stahlindustrie als Auftraggeber für Zulieferer, Maschinen- und Anlagenbauer, als Geldgeber für Universitäten und Forschungsinstitute. Insofern wäre es gut, wenn es gelingt auch Bundesländern, die keine Stahlindustrie haben, bewusst zu machen, dass wir alle miteinander vernetzt sind, dass sie ein Glied in der (Wertschöpfungs-)Kette sind, die nicht reißen darf, wenn wir unsere industrielle Basis bewahren wollen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Antje Otto, Geschäftsführerin Verband der Saarhütten und Mitglied in der Geschäftsführung der Vereinigung der Saarländischen Unternehmensverbände e.V.

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