Von Josefine Paul

Fraktionsvorsitzende BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Landtag NRW

Krisen machen nicht nur Defizite wie unter dem viel strapazierten Brennglas deutlich, sie können auch Veränderungsprozesse initiieren. Die Corona-Krise hat die Bildungsmisere in unserem Land auch für den oder die Letzte sichtbar gemacht. Sicherlich war und ist die Pandemie für alle Kinder, Jugendliche und Familien eine besondere Herausforderung. Aber es zeigt sich auch sehr deutlich, dass die Möglichkeiten, durch diese Zeit zu kommen sozial ungleich verteilt sind.

Was in der Corona-Krise noch deutlicher zu Tage getreten ist, ist aber nicht rein durch sie ausgelöst worden. Vielmehr haben sich die sozialen Ungleichheiten in unserem Bildungssystem verstärkt und verfestigen sich, wenn die Landesregierung nicht konsequent gegensteuert und den vollmundigen Ankündigungen von der Prioritäten auf Kindern und Jugendlichen jetzt auch Taten folgen lässt.

Wir müssen unser Bildungsystem ins 21. Jahrhundert befördern

Die Krise hat ebenfalls deutlich gezeigt, dass wir unser Bildungssystem endlich ins 21. Jahrhundert befördern müssen. Kinder und Schulen müssen endlich flächendeckend mit WLAN, Whiteboard und Tablet ausgestattet werden. Das allein reicht aber nicht. Es braucht neue didaktische und methodische Konzepte für eine Bildung, die junge Menschen fit macht für die aktive Teilhabe an unserer Gesellschaft und dem Arbeitsleben. Sie brauchen die Möglichkeit, ihre Potentiale entfalten zu können. Und unsere Gesellschaft braucht all diese Potentiale.

Schon 2008, angesichts schlechter Noten im zweiten nationalen Bildungsbericht, rief Bundeskanzlerin Angela Merkel die „Bildungsrepublik Deutschland“ aus und forderte, dass das Bildungssystem „jedem die Chance auf Einstieg und Aufstieg ermöglichen“ müsse. Aber was ist aus diesem Anspruch geworden? Der Bildungsbericht 2020 stellt erneut fest, dass Deutschland bei den Bildungsausgaben weiterhin im OECD- und EU-Vergleich hinterher hinkt. Noch immer entscheiden Bildungsgrad und Portemonnaie der Eltern über die Bildungschancen der Kinder und über die Ausstattung von Schulen und Kitas allzu oft die Postleitzahl.

Ein Bildungsaufbruch ist unumgänglich

Wir brauchen einen Bildungsaufbruch, der Verantwortung nicht zwischen den Ebenen hin und her schiebt, sondern gemeinsam Verantwortung übernimmt. In den letzten anderthalb Jahren ist deutlich geworden, dass ein notwendiger Bildungsaufbruch nur zu schaffen ist, wenn Bund, Länder und Kommunen zusammenarbeiten. Ob in der Digitalisierung, bei der Frage des Ganztags, der notwendigen Sanierung von Gebäuden, der Sicherung von Fachkräften und der Verbesserung der Bildungs- und Teilhabechancen in unserem Land: Keine dieser großen Aufgaben kann eine Ebene allein lösen.

Bildung endet aber nicht am Schultor, wenn wir wirklich allen Potentialen die Möglichkeit zur Entfaltung geben wollen, dann müssen wir die gesamte Bildungskette in den Blick nehmen:

  • Eine Bildungskooperation, die zielgerichtet und verlässlich Bildungsgerechtigkeit sicherstellt und dafür sorgt, dass Mittel auch dort ankommen, wo sie am dringendsten gebraucht werden.
  • Einen Neustart beim BAföG für eine wirkliche Grundsicherung für Studierende und Auszubildende, damit auch diejenigen Zugang zum Campus haben, die bisher unterrepräsentiert sind.
  • Strukturen für und Investitionen in die berufliche Bildung, um diese auch in der Fläche und mit kleinen Fachklassen zu erhalten. Unterstützung für Betriebe, um Geflüchteten nach der beruflichen Bildung Bleibeperspektiven zu bieten.
  • Eine sichere Ausbildungsperspektive durch eine Ausbildungsgarantie, die jungen Menschen Teilhabe am Berufsleben und Unternehmen Fachkräfte sichert.
  • Eine lebenslange Lernperspektive in einer modernen Weiterbildungsgesellschaft, in der alle Berufstätigen sich weiterqualifizieren können.

Unsere Gesellschaft steht vor großen Herausforderungen und dynamischen Veränderungsprozessen. Neben der Bewältigung der Corona-Krise müssen wir schnelle Antworten auf die Klimakrise geben. Wir stehen vor einem großen Transformationsprozess hin zu einer anderen Wirtschaftsweise, die klimaneutral und innerhalb planetarer Grenzen geschieht. Um diesen Wandel zu bewältigen brauchen wir nicht nur Technologien, wir brauchen auch Köpfe, Ideen und die Menschen, die diese konkret umsetzen. Diese Herausforderungen können und müssen Veränderungsprozesse initiieren hin zu einem neuen Bildungsaufbruch.