Von Mathias Richter

Staatssekretär im Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen

Das Ruhrgebiet blickt auf eine ereignisreiche Geschichte zurück. Die Menschen haben hier großartige Jahre des wirtschaftlichen Aufstiegs erlebt. Der Bergbau und die mit ihm wachsende Industrie brachten ihnen Arbeit und Wohlstand, doch das einzig Beständige im Leben ist der Wandel. Und so kam das nahezu Unausweichliche, als mit Prosper Haniel die letzte Zeche ihren Betrieb eingestellt hat.

Als Recklinghäuser liegt mir das Ruhrgebiet natürlich sehr am Herzen. Ich weiß, dass die Menschen an Ruhr, Emscher und Lippe vor allem eines können: Anpacken, wenn‘s drauf ankommt. Und es kommt jetzt darauf an, denn die aktuellen Herausforderungen sind vor allem für das Ruhrgebiet immens. Globalisierung, Digitalisierung, Klimawandel, Zuwanderung – die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen. Und als wenn das alles nicht schon genug wäre, kommt zumindest in Teilen des Ruhrgebiets der weiterhin anhaltende Strukturwandel noch hinzu. Vor allem in der Emscher-Lippe-Region.

Bekanntlich wächst der Mensch mit seinen Aufgaben. Deshalb bin ich mir sicher, dass wir die Herausforderungen gemeinsam meistern werden. Aber wir müssen etwas dafür tun, denn die Zukunft will gewonnen werden. Als Staatssekretär im Ministerium für Schule und Bildung möchte ich dabei ein ganz wichtiges Zukunftsfeld herausgreifen: Bildung! Wir müssen unseren Kindern die bestmögliche Bildung vermitteln, damit sie ihre Zukunft erfolgreich gestalten können. Das gilt für die frühkindliche Bildung ebenso, wie für die schulische Bildung bzw. für die berufliche und akademische Ausbildung. Das Ruhrgebiet investiert in Zukunft nicht mehr in dunkle Schächte, sondern vor allem in helle Köpfe!

Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen ist angetreten, damit alle Kinder und Jugendlichen die besten Bildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten erhalten.

Wir wollen die Schulen gemeinsam mit den Kommunen grundlegend modernisieren. Allein im Zeitraum von 2017 bis 2020 stehen den Schulträgern dafür aus Sonderprogrammen des Landes und des Bundes und aus einer auf jährlich 676 Mio. Euro erhöhten Schulpauschale über sechs Milliarden Euro für Investitionen in die schulische Infrastruktur zur Verfügung. Ein erheblicher Teil dieser Mittel wird ins Ruhrgebiet fließen.

Wichtige Impulse für beste Bildung wird auch der Digitalpakt Schule liefern, den Bund und Länder zusätzlich auf den Weg gebracht haben. Seit Mitte September dieses Jahres können die Kommunen in Nordrhein-Westfalen nun die Mittel in Höhe von insgesamt über einer Milliarde Euro beantragen, um ihre Schulen mit einer modernen IT-Infrastruktur auszustatten. 25 Prozent der Mittel wurden nach der Finanzkraft der Städte und Gemeinden verteilt, das wird vor allem auch den Kommunen im Ruhrgebiet zusätzlich helfen.

Ziel der Landesregierung ist, das Ruhrgebiet zu einer echten Chancenregion zu machen. Dazu müssen wir vor allem auch diejenigen Schülerinnen und Schüler in den Blick nehmen, die aus sozial schwierigen Verhältnissen kommen. Leider gibt es im Ruhrgebiet zu viele von ihnen.

„Wir brauchen einen neuen Aufbruch für beste Bildung, damit die jungen Menschen in dieser Großraumregion mit einer bestmöglichen Ausbildung ihre Zukunft und die ihrer Region selbst in die Hand nehmen können.“

Nur eine Antwort auf diese Herausforderung ist unser Schulversuch Talentschulen, mit dem wir Schulen in Stadteilen mit besonderen Herausforderungen ganz gezielt unterstützen. Talentschulen erhalten eine deutlich bessere Personalausstattung in Höhe von zusätzlich 20 Prozent, ein zusätzliches Fortbildungsbudget von 2.500 Euro pro Schule und zusätzliche Unterstützung bei der Schul- und Unterrichtsentwicklung. In diesem Schuljahr sind die ersten 35 Talentschulen gestartet, 23 davon im Ruhrgebiet, zum Beispiel in Bochum, Dortmund, Herne, Duisburg, Essen, Bottrop, Gelsenkirchen und in Recklinghausen. Im nächsten Schuljahr 2020/21 kommen landesweit 25 weitere hinzu. Noch in diesem Jahr wird eine unabhängige Expertenjury die Auswahlentscheidungen treffen.

Mit einem Schulversuch allein ist es aber längst noch nicht getan. Wenn wir soziale Nachteile im Bildungsbereich ernsthaft ausgleichen wollen, dann müssen wir Ungleiches auch ungleich behandeln.

Dabei müssen wir bei den Kleinsten anfangen. Mit 1.750 Stellen für sozialpädagogische Fachkräfte in der Schuleingangsphase unterstützen wir vor allem die Grundschulen bei ihrer wichtigen Arbeit.

Außerdem erarbeitet das Schulministerium zurzeit gemeinsam mit der Universität Bochum ein Modell für einen schulscharfen Sozialindex. Damit wollen wir die individuelle Belastung einer Schule erfassen, um Ressourcen noch gezielter dort einzusetzen, wo sie am dringendsten gebraucht werden.

Zwar werden schon jetzt über 4.500 Lehrerstellen nach einem Kreissozialindex an die Schulen verteilt. Dieser misst aber nur die Belastung eines Schulbezirks und nicht die Lage einer einzelnen Schule. Spätestens ab dem übernächsten Schuljahr 2021/22 könnte der schulscharfe Sozialindex erstmals zum Einsatz kommen, damit wir zusätzliche Ressourcen stärker in Richtung Schulen mit heterogener Schülerschaft lenken können. Auf diese Weise wollen wir mehr Chancen- und Bildungsgerechtigkeit erreichen. Das wird vor allem auch den Schulen im Ruhgebiet zu Gute kommen.

Einen wichtigen Beitrag für mehr Chancengerechtigkeit in der Region leistet auch das Schülerstipendium Ruhrtalente, dass Kinder und Jugendliche ab der 8. Klasse mit zusätzlichen Bildungsangeboten und regelmäßiger Beratung unterstützt.

Die von Ministerpräsident Armin Laschet ins Leben gerufene Ruhrkonferenz wird das Ruhrgebiet insgesamt mit vielen wegweisenden Projekten zum Beispiel in den Bereichen Verkehr und Infrastruktur weiter voranbringen. In 20 Themenforen wurden bereits 75 Projektvorschläge zur Weiterentwicklung der Region erarbeitet, die sich nun in der Endauswahl befinden. Darunter auch Vorschläge für den Bereich Schule. So zum Beispiel die Idee, dass Schulen mit besonderen Schwierigkeiten bei der Lehrergewinnung befristete Zulagen zahlen können.

Alles in allem bin ich mir sicher, dass das Ruhrgebiet einerseits schon viel erreicht hat, andererseits aber noch viel erreichen kann und erreichen wird. Dazu brauchen wir weiterhin gemeinsame Kraftanstrengungen und ganz sicher einen neuen Aufbruch für beste Bildung, damit die jungen Menschen in dieser Großraumregion mit einer bestmöglichen Ausbildung ihre Zukunft und die ihrer Region selbst in die Hand nehmen können.