Von Werner Baumann

Vorstandsvorsitzender der Bayer AG

NRW hat hervorragende Voraussetzungen, als Innovationsschmiede und Wachstumsmotor ganz vorne dabei zu sein. Das Land verfügt über starke Industrie-Netzwerke und eine gute Mischung aus globalen Großunternehmen, innovativen Zulieferern und modernen Dienstleistern. Dazu kommt eine vielfältige Bildungs- und Forschungslandschaft mit 70 Hochschulen, einer Dreiviertelmillion Studierenden und mehr als 50 außeruniversitären Forschungseinrichtungen.

Von diesen Vorzügen profitiert auch Bayer: Vor über 150 Jahren in Wuppertal gegründet, sind wir heute auf der ganzen Welt präsent – NRW bleibt dabei unsere Heimat, mit der Konzernzentrale in Leverkusen und zahlreichen weiteren Standorten. In Wuppertal wurde zum Beispiel unser umsatzstärkstes Produkt, der Gerinnungshemmer Xarelto, erforscht und entwickelt.

Und doch hinkt NRW – trotz seiner großen Standortvorteile – bei einigen wichtigen Indikatoren hinterher. Das Wirtschaftswachstum lag in den vergangenen 15 Jahren deutlich unter dem gesamtdeutschen Durchschnitt. Vor allem wächst ausgerechnet die Industrie, traditionell die Stärke des Landes, unterdurchschnittlich. Auch die Arbeitslosigkeit ist mit 7,6 Prozent höher als der Durchschnitt in ganz Deutschland mit 6 Prozent; in Bayern und Baden-Württemberg sind zum Vergleich weniger als 4 Prozent ohne Arbeit.

„Die Stärkung von Forschung und Innovation in NRW muss ganz oben auf der politischen Agenda stehen.“

Um dies langfristig zu ändern, muss die Stärkung von Forschung und Innovation in NRW ganz oben auf der politischen Agenda stehen. Fünf Punkte sind dabei besonders wichtig.

Erstens das Thema Bildung, denn kluge Köpfe sind unsere wichtigste Ressource. Hier muss an den richtigen Stellschrauben gedreht werden. Dazu gehören zum Beispiel die Bildungsausgaben je Schüler oder die Betreuungsrelation, also das Verhältnis von Lehrkräften zu Schülern oder Studenten. Hier gibt es noch Verbesserungspotential. Das gleiche gilt für das Abschneiden der Universitäten in NRW im Vergleich mit internationalen Hochschulen. So war beim jüngsten Ranking des Magazins „Times Higher Education“ die RWTH Aachen die einzige Hochschule aus NRW, die unter den Top 100 landete – auf Platz 78.

Es gilt also, im Dialog mit allen Stakeholdern das gesamte Bildungssystem zu stärken. Langfristig sollte es das Ziel sein, dass NRW national und auch international wieder zur Spitze gehört.

Zweitens: Eine dynamische Gründerszene ist wichtig, weil Start-ups erheblich dazu beitragen, aus Forschungsergebnissen der Institute und Hochschulen marktfähige Produkte zu machen. Bei der Anzahl der Gründer liegt NRW etwa im Bundesdurchschnitt. Aber auch hier ist mehr möglich – angesichts der hervorragenden Voraussetzungen des Landes. Für ganz Deutschland gilt: Gründer sollten von der Politik noch stärker unterstützt werden. Zum Beispiel brauchen wir ein Wagniskapitalgesetz, das die Rahmenbedingungen für internationale Wagniskapitalgeber weiter verbessert und die spezielle Gründersituation berücksichtigt.

Drittens brauchen wir in Deutschland endlich eine steuerliche Forschungsförderung, also eine Steuergutschrift für alle Unternehmen, die in Forschung und Entwicklung investieren. Die meisten OECD-Länder haben so etwas schon, aber nicht Deutschland – ein erheblicher Nachteil für den Forschungsstandort. Wichtig ist, dass alle Firmen unabhängig von ihrer Größe gefördert werden, und nicht nur kleine und mittlere Unternehmen. Denn der überwiegende Teil der F&E-Ausgaben wird in Deutschland von Großunternehmen getragen. Außerdem haben große Unternehmen in Innovations-Netzwerken eine besondere Rolle als Technologieführer und Katalysatoren.

Eine steuerliche Forschungsförderung würde die Innovationskraft der Wirtschaft stärken. Der Staat honoriert damit den Beitrag zu Wachstum und Gemeinwohl, den forschende Unternehmen leisten – und schafft einen Anreiz, noch mehr zu tun. Studien zeigen, dass eine Steuergutschrift von 10 Prozent durchschnittlich zu einer Steigerung der privaten Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen von etwa 14 Prozent führt. Auch der Haushalt würde nicht belastet: Die Expertenkommission Forschung und Innovation geht davon aus, dass diese Maßnahme für den Fiskus langfristig zumindest kostenneutral wäre, weil durch den zusätzlichen Anreiz zu Forschung und Innovation mehr Wachstum entsteht – und damit auch höhere Steuereinnahmen.

Viertens gilt es, bürokratische Hürden abzubauen. Bei der Zulassung neuer Produkte verlieren innovative Unternehmen in Deutschland teilweise viel Zeit. Zum Beispiel dauert die Genehmigung eines neuen Pflanzenschutzmittels im Durchschnitt 757 Tage – mehr als sechsmal so lang wie die gesetzlich vorgeschriebenen 120 Tage. Den Kunden werden so nützliche Produkte unnötig lange vorenthalten. Und für die Unternehmen steigern lange Zulassungsverfahren die Unsicherheit, die mit Innovation verbunden ist. Außerdem verzögern und verringern sich die Einnahmen, die Unternehmen brauchen, um ihre hohen Forschungs- und Entwicklungskosten wieder hereinzubekommen und neue Forschungsprojekte zu finanzieren.

Natürlich muss klar sein, und das ist mein fünfter Punkt: Wenn es bei innovativen Technologien und Verfahren Bedenken gibt oder Fragen zu ihrer Sicherheit bestehen, müssen diese beantwortet werden. Aber Entscheidungen sollten stets auf rationaler Basis getroffen werden, ansonsten wird Politik unberechenbar. Deshalb setzen wir uns dafür ein, die Folgen neuer Gesetze für die Innovationsfähigkeit des Landes regelmäßig zu überprüfen, zum Beispiel durch Einführung eines Innovationsprinzips auf europäischer Ebene. Dies würde das Vorsorgeprinzip, das gut und wichtig ist, sinnvoll ergänzen. Beide Prinzipien zusammen könnten für eine ausgewogenere Betrachtung von Nutzen und Risiko neuer Technologien sorgen.

NRW ist ein starkes Land, und ein guter Standort. Wenn wir diese fünf Punkte beherzigen, kann es noch stärker werden.