Von Dr. Annette Kurschus

Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen

Europa: Für die alten Griechen war die Figur dieses Namens ein Kind von Halbgöttern, ein Königskind, aus der alten Seemanns- und Handelsnation der Phönizier, die vom heutigen Libanon aus das ganze Mittelmeer erschlossen und ihre Macht und Stärke weniger auf Waffen als auf Waren und den Handel gründeten.

Europa, so wird erzählt, war begehrt und geliebt von keinem Geringeren als dem Göttervater Zeus, wurde darum kurzerhand entführt und in ein fernes Land verschleppt, das nun ihren Namen trage.

Europa – in griechischen Ohren klang der Name so ähnlich wie das altgriechische Wort für „weitblickend, umsichtig“. Die heutige Sprachforschung verbindet den Namen eher mit der orientalischen Heimat des Königskindes und erkennt das semitische Wort ereb darin wieder. Das meint den Untergang der Sonne und also das Abendland – im Gegensatz zum Sonnenaufgang und dem Morgenland.

Wer oder was ist Europa, und was macht Europa aus? Die Fragen scheinen so alt wie der Name selbst. Wo beginnt und wo endet Europa? Wie wird es bestimmt und von wem? Von Göttern oder von der Geographie, vom Handel oder von der Lust an der Abgrenzung, von Sprachen und Ideen –  und wenn ja, von welchen?

Das Jahr 2019 gibt reichlich Anlass, so zu fragen. Da sind zunächst die Wahl zum Europäischen Parlament und der Brexit. Dazu kommen gewichtige Gedenktage: Der 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September, mit dem 1939 der Zweite Weltkrieg begann, sowie das 30jährige Jubiläum des Mauerfalls am 9. November, der 1989 das Ende der Spaltung Europas markierte. Diese Ereignisse geben zu denken und fordern gerade uns Deutsche heraus, die Frage nach Europa immer neu in Dankbarkeit und Verantwortungsbewusstsein zu stellen und nach Antworten zu suchen. Nicht zuletzt ist da die Schicksalsfrage der Migration, in der nicht weniger auf dem Spiel steht als die Seele Europas.

Die Kirchen in Deutschland und Europa haben einander nach zwei Weltkriegen, die auch durch ihr eigenes Versagen im Blick auf das Gift von Nationalismus und Rassismus ausbrachen, anerkannt. Der Glaube führt nicht ins Gegeneinander der Völker, nicht in den nationalen oder ökonomischen Egoismus der Einzelnen, sondern zur Gemeinschaft der Verschiedenen. Er verpflichtet zur Solidarität mit den Schwächeren, ja stärkt und ermöglicht solche Solidarität.

In der Bibel, die ein Grundbuch der europäischen Kultur wurde, sucht man den Namen Europa vergebens. Aber es gibt eine thematisch treffende Erzählung. Sie findet sich in der Apostelgeschichte des Lukas, die den Weg des Christusglaubens von Jerusalem bis in die Welthauptstadt Rom als Geschichte von Reisen, von Begegnungen, von misslingender und gelungener Gastfreundschaft beschreibt.

Bemerkenswert ist die Erzählung insbesondere im Hinblick darauf, wie – nachdem die Apostel zunächst Kleinasien, also die heutige Türkei, durchquert hatten – der christliche Glaube in Europa ankommt. Kapitel 16 der Apostelgeschichte erzählt von der Ankunft der Apostel in Philippi, einer Militär- und Handelsmetropole in Nordgriechenland, und bei einer Textilhandwerkerin namens Lydia. Sie ist es, die die Apostel bei sich aufnimmt und dann als erster Mensch in Europa den Glauben an Jesus als den Retter und Gottessohn annimmt.

Man weiß nicht, ob Lydia Sklavin oder eine wohlhabende Unternehmerin war. Doch eindeutig weist ihr Name – wie der von Prinzessin Europa – nach Osten, genauer in die Landschaft Lydien in der heutigen Westtürkei, wo es eine große antike Textilindustrie gab.

Schon damals also war Europa wirtschaftlich weit gespannt und eng verflochten. Und das, was heute Arbeitsmigration heißt, gab es offensichtlich bereits früh. Auch damals kamen – wie heute – mit den Handels- und Warenströmen zugleich Ideen-, Gedanken- und Glaubensflüsse.

Nach der Erzählung des Lukas stammt die erste Christin des Abendlandes aus Asien, und der christliche Glaube in Europa beginnt mit der Gastfreundschaft einer Migrantin.

Ist es Zufall, dass gerade die Ausländerin den Gott attraktiv findet, der Freiheit schafft und in seiner Güte und Liebe keine Unterschiede macht?

Wäre es ein Widerspruch, wenn ausgerechnet eine reiche Unternehmerin ein Herz für ein paar abgerissene Wanderprediger hätte? Und für die Schönheit der göttlichen Barmherzigkeit, die ausnahmslos allen gilt?

Für viele Menschen an vielen Orten der Welt ist Europa ein Synonym für Freiheit und Barmherzigkeit. Ich bin überzeugt: Europa braucht Menschen, die beides im Herzen tragen und bereit sind, dafür zu denken und zu fühlen, zu hoffen und zu handeln – weit über alle Grenzen hinaus.