Klartext im Westen

Der NRW-Wirtschaftsblog

Energiepolitik für NRW: Den Strukturwandel gestalten

Von Dr. Hubertus Bardt

Geschäftsführer und Leiter Wissenschaft beim Institut der deutschen Wirtschaft

Nordrhein-Westfalen war und ist ein Energieland, dessen Bedeutung für die Energieversorgung weit über die Landesgrenzen hinausgeht. NRW war – und ist noch – ein wichtiger Lieferant heimischer Energierohstoffe, ein bedeutender Standort von Stromerzeugungskapazitäten und die Heimat großer energieintensiver Industrieunternehmen. Energiepolitik ist damit für Nordrhein-Westfalen von zentraler Bedeutung.

Energie in NRW ist nicht nur Tradition, sondern Gegenwart. Die Steinkohle im Ruhrgebiet und die Braunkohle im Rheinischen Revier bildete seit Jahrzehnten eine zentrale Säule der deutschen Energieversorgung. Gleichzeitig waren diese heimischen Rohstoffe und die damit verbundene sichere und bezahlbare Stromversorgung Grundlage energieintensiver Industrien, die Basisprodukte für die Industrie in Deutschland und darüber hinaus herstellen. „Kohle und Stahl“ sind dabei das prägnanteste Beispiel.

Die letzte Steinkohlezeche beendet noch dieses Jahr ihre Förderung. Die Braunkohle ist unter Klimagesichtspunkten in der Diskussion. Die Energiewende wird immer höhere Anteile an Sonnen- und Windstrom bringen. Bisher konnte Nordrhein-Westfalen mit seinen steuerbaren, fossilen Kraftwerken zur Versorgungssicherheit und mit seiner Braunkohle zu vergleichsweise günstigem Grundlaststrom beitragen. Der Strommix verändert sich, die Emissionen sinken, was zur Stabilisierung des Klimas auch notwendig ist. Die stromintensiven Unternehmen in NRW sind aber auch weiterhin auf eine sichere und wettbewerbsfähige Stromversorgung angewiesen.

Nordrhein-Westfalen steht vor der besonderen Herausforderung, eine klimafreundliche Energieversorgung der Zukunft mit der Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Unternehmen in Einklang zu bringen. Die Energiewende für ein Industrieland ist eine besondere Herausforderung. Was kann dafür getan werden?

„Der Strukturwandel darf nicht als Ausrede für eine schlechte wirtschaftliche Entwicklung herhalten (auch das hat in NRW durchaus Tradition), sondern muss Antrieb sein, neues zu wagen und zuzulassen.“

  1. Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit auf Bundesebene nützt NRW
    Die Möglichkeiten einer eigenen Energiepolitik sind stark eingeschränkt. Das Bundesrecht dominiert mit dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz und vielen anderen Regelungen. Das Land kann den Zubau alternativer Energiequellen auf wirtschaftlich vorteilhaften Flächen genehmigen – und vor allem über den Bundesrat und weitere Kanäle auf die Bundespolitik Einfluss nehmen. Bundesweit ist wichtig, die Energiepreisnachteile gegenüber dem Ausland zu begrenzen und ausreichend Back-up- oder Speicher-Kapazitäten sicherzustellen. Dazu muss der Wettbewerb zwischen den Energieträgern und um mehr Versorgungssicherheit gestärkt werden. Und bevor das Ausbautempo der erneuerbaren weiter beschleunigt werden kann, wie von der Großen Koalition in Berlin vorgesehen, muss der notwendige Netzausbau endlich Fortschritte machen.
  2. Forschung und Innovation für stromintensive Unternehmen
    An Rhein und Ruhr sind viele Betriebe angesiedelt, die einen hohen Strom- oder Energieverbrauch haben und gleichzeitig als Arbeitgeber, Steuerzahler und Startpunkt einer industriellen Wertschöpfungskette unverzichtbar sind. Forschung, Entwicklung und Produktion sind eng miteinander verflochten und bilden die Grundlage des wirtschaftlichen Erfolgs. Darauf muss aufgebaut werden. Gemeinsam müssen von Unternehmen und Landesregierung Perspektiven entwickelt werden, wie diese Firmen auch in einer Zukunft mit radikal verringerten Emissionen am Standort NRW wirtschaften können. Innovative Geschäftsmodelle, Forschung und Entwicklung sowie angemessene staatliche Rahmenbedingungen sind dafür wesentlich.
  3. Strukturwandel begleiten und unterstützen
    Die Energiewende birgt zahlreiche neue Chancen, stellt aber auch bisherige Geschäfte infrage. Wenn batterieelektrischen Fahrzeugen tatsächlich die Zukunft gehört – was alles andere als sicher ist – wird das für die Hersteller von Verbrennungsmotoren mit dramatischen Einschnitten verbunden sein. Wenn der Braunkohletagebau früher oder später zu Ende geht, betrifft das nicht wenige Zulieferer in der Region. Neue Energiekonzepte und Technologien bringen aber auch immer neue Chancen für innovative Geschäftsideen. Die Energiewende, die weit über die Stromerzeugung hinausgeht, verstärkt den Strukturwandel. Dieser muss aktiv begleitet werden. Unternehmensgründungen, Wissenstransfer aus den Forschungseinrichtungen in die Betriebe und innovative Anpassungen der bestehenden Firmen sind Bausteine, mit der auf die neuen Rahmenbedingungen reagiert werden kann. Der Strukturwandel darf nicht als Ausrede für eine schlechte wirtschaftliche Entwicklung herhalten (auch das hat in NRW durchaus Tradition), sondern muss Antrieb sein, neues zu wagen und zuzulassen.

1 Kommentar

  1. Natascha Nieberg

    28. Februar 2019 at 12:41

    Guten Tag, ich bin beim Parlamentarischen Abend der IHK Nord Westfalen zum Thema Industrie- und Energiepolitik im Wandel am 11.3.19 in Berlin eingeladen, kann aber nicht hin. Deshalb auf diesem Weg neue Impulse. Die neue Chance in NRW, die sich auftut, liegt auf der Hand, wenn die Politik gewisse Regularien vorgibt und die Industrie umdenkt: 1. Wenn bisher konventionell gewonnene Energie durch Stein- und Braunkohle richtigerweise ausstirbt, die Sicherstellung der Energieketten durch bisherige Ressourcen in NRW dadurch immer schwieriger wird, ist klar, dass diese Energie für den industriellen Großverbraucher teurer werden muss (reeller Wert muss sich ändern, ungeachtet der weltweiten Konkurrenz). Ansonsten subventioniert das Land nicht nur die auf konventionelle Art immer knapper gewonnene Energie, sondern auch das Unternehmen insgesamt, weil der effektive ökonomische Output des Unternehmens in keiner Relation mehr steht zum reellen Wert der verbrauchten Energie. Soviel Geld hat kein Land. Die Großindustrie muss in der Konsequenz parallel umdenken zum eigenen geldwerten Vorteil: die von der Politik einzufordernden Einsparungen (stundenweise Stromkreisläufe ausschalten, nachts in den Schlafmodus gehen, eigene alternative Energieressourcen auf dem eigenen Industriegelände schaffen etc.), werden sich dann auszahlen, dies wiederum macht die Industrie energetisch autarker und wirtschaftlich stärker. 2. Gleichzeitig müssen stärker als zuvor alternative Ideen zu effektiven Energieressourcen in NRW durchdacht und umgesetzt werden. Allen voran von den konventionellen Energieunternehmen in Zusammenarbeit mit unseren Forschungsinstitutionen. Nicht nur Windkraft ist weiterzudenken. Die in Bayern immer mehr etablierten Wasserkraftanlagen können auch in NRW ausgebaut werden. Auch eine flache Talsperre kann durch eine ordinäre Sprengung in ein Gefälle verwandelt werden und mit relativ wenig Aufwand können neue energetische Ressourcen, sogar doppelt nutzbar gemacht werden (Wasserkraft & Trinkwasserversorgung in einem) und die Grundversorgung in NRW sichern. Unsere Stollen in NRW bieten ebenfalls ein schon gut angelegtes Gefälle, dass mit Hilfe dt. Ingenieurtechnik und mit dementsprechend ausgekleideten Beton- und Lehmböden (mit Stahlelementen) mit Sicherheit für (re-)energetische Zwecke umnutzbar sind. Unsere durch Land und Bund geförderten physikalischen Institute dürften sich in Kooperation mit der Energieindustrie diesbezüglich deutlich stärker hervortun mit umsetzbaren und brauchbaren, industrie- und umweltfreundlichen Innovationen. Sowas nennt man, auch wenn die Forschung ein immer unantastbarer Elfenbeinturm zu sein scheint, was auch veraltet ist, „return of investment“. Forschung nicht um der Forschung willen, sondern für die Zukunft nutzbar und gleichzeitig „back to the roots“ & umweltfreundlich. Man könnte sogenannte Druck- und Pumpspeicherkraftwerke weiterdenken, die physikalischen Grips und keine umweltbelastende Technik erfordern. Diese alternativen Kraftwerke könnten auf ehemaligen Braunkohlestandorten stehen, Arbeitskraft ist dort auch gefragt. Nur anders. Die alternativen Kraftwerke könnten also in NRW gebaut und deren Technik bestenfalls europaweit und weltweit vertrieben werden. Dann könnten wir die NRW-Region mit neuen Industrieinhalten füllen. Und wir müssten nicht aus jedem ehem. Kohlestandort ein ebenfalls zu subventionierendes Museum machen, sondern würden einen neuen zukunftsträchtigen Industriestandort schaffen. Und das ist nur ein Baustein im erforderlichen alternativen Energiemix der Möglichkeiten. In Kombination mit der von der Politik einzufordernden Solar- und Biomassenutzung, der Nutzung von Geothermie bei großen Industrieanlagen, der Nutzung von Hitze und Wärme in großen Produktionsstätten zur eigenen Stromerzeugung und -versorgung, der Nutzung politisch vorgegebener Strom-Sparmodule für die Industrie, zusammen mit dem gleichzeitigen Rückbau von konventionellen Energieanlagen, dem Aufbau von Produktionsstätten alternativer Energietechnik, in Kombination mit alldem, ist viel zu erreichen, und noch sehr viel zu tun. Eine solche machbare Vision ist ökonomisch überlebenswichtig fürs Land und zukunftsträchtig für die energienutzende und produzierende Industrie in NRW. MfG Natascha Nieberg, IHK Nord Westfalen, Vollversammlungsmitglied, Mitglied des IHK-Regionalausschusses

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