Von Carsten Fiedler

Chefredakteur Kölner Stadt-Anzeiger

Metall- und Medienbranche haben heute manches gemeinsam: So sind beide in einem tiefgreifenden Strukturwandel begriffen, und beide sind für unser Bundesland Nordrhein-Westfalen von herausragender Bedeutung. 24.000 Unternehmen mit mehr als 400.000 Beschäftigten und mehr als 122 Milliarden Euro Umsatz machen NRW zu einem der führenden Medien- und Kommunikationsstandorte Deutschlands. In dieser Landschaft ist die DuMont Mediengruppe ein ebenso traditionsreicher wie innovativer Akteur.

Wir begreifen den Medienwandel als Herausforderung und als Chance. Denn in der Tat haben die Veränderungen, denen insbesondere der klassische Tageszeitungsmarkt unterliegt, immer zwei Seiten: Wir haben sinkende Auflagen unserer Print-Titel zu verkraften, erzielen aber ständig steigende Reichweiten im Digitalen. Kurz gesagt: Noch nie waren unsere journalistischen Inhalte so erfolgreich wie heute. Doch noch fehlt als wirtschaftliches Pendant ein tragfähiges Modell für die Vermarktung journalistischer Angebote im digitalen Sektor.

Die Konsequenz für uns als multimediale Redaktion liegt in einer doppelten Aufgabe: Wir wollen mit der Tageszeitung auch weiterhin ein Angebot von hoher, ja sogar steigender publizistischer Qualität machen und so unsere Leser – im Idealfall: unsere Abonnenten – auch künftig binden. Gleichzeitig wollen wir die neuen digitalen Kanäle bedienen. Längst ist damit nicht mehr allein unser Internet-Auftritt gemeint. Wir sind selbstverständlich auch in den sozialen Medien präsent, wir erreichen unsere User mit Smartphone- und Tablet-optimierten Nachrichten, wir kommunizieren mit ihnen über Messenger-Dienste und Newsletter. Derweil kommt mit den sprachgesteuerten digitalen Anwendungen schon die nächste, einschneidende Entwicklung im Kommunikationsverhalten auf uns zu, die wir in den Fokus der Innovation stellen wollen.

Auch der Werbemarkt verschiebt sich hin zu den digitalen Angeboten. Darauf Antworten zu finden, ist das Gebot der Stunde für alle Medienhäuser. Wir müssen das alte Denken überwinden, in dem das Printgeschäft unser Standbein, Online das Spielbein war. Heute müssen wir mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen und immer wieder neu den Sprung in die Zukunft wagen.

Selbstverständlich sind das für Redaktionen gewaltige Herausforderungen, zu deren Bewältigung wir bei DuMont den organisatorischen Rahmen unserer Arbeit im vorigen Jahr grundlegend verändert haben. Für die Redaktionen von „Kölner Stadt-Anzeiger“ und EXPRESS haben wir einen gemeinsamen Newsroom geschaffen, der konsequent die überholten Trennungen zwischen Print und Digital überwindet und beste Voraussetzungen dafür bietet, die jeweiligen Markenstrategien beider Titel zu schärfen und zugleich Raum zu schaffen für die Entwicklung innovativer Produkte. Die Redaktionen kooperieren inhaltlich eng, wo es sinnvoll ist. Räumliche Nähe erleichtert Planung und Abstimmung. Beide Zeitungen und ihre Digital-Auftritte behalten aber ihren je eigenen Charakter.

Ich will nicht verhehlen, dass wir auch Wünsche und Erwartungen an die Politik haben, damit wir im Zeitalter der Digitalisierung und in einem immer schärferen, oft mit ungleichen Waffen geführten Wettbewerb bestehen können. Deshalb sehen wir zum Beispiel die umfassenden digitalen Textangebote der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit Skepsis. Diese mit Rundfunkpflichtbeiträgen finanzierten Angebote stehen in direkter Konkurrenz zur gedruckten Zeitung und deren Digital-Angeboten und verzerren so den Wettbewerb zu Lasten des privatwirtschaftlich finanzierten Journalismus.

„Die klassischen Tugenden, die handwerklichen Regeln und die ethischen Standards des Journalismus werden wir auch in Zukunft hochhalten. Wir müssen sie aber immer wieder neu ausbuchstabieren.“

Was den Einsatz für qualitativ hochwertige journalistische Inhalte betrifft, sehen wir uns an der Seite von ARD und ZDF. Zusammen mit der Politik müssen wir nach einem auskömmlichen Neben- und Miteinander suchen. Dazu gehören auch ein robustes Urheberrecht und gewerbliche Schutzrechte in Deutschland und der EU, die grundlegend sind für den Erhalt einer vielfältigen Presse- und Medienlandschaft. Denn eines ist auch klar: Die eigentliche Bedrohung für Funk- wie für Verlagshäuser in Deutschland kommt von den international agierenden Mediengiganten. Digitale Plattformen wie Google und Facebook greifen im großen Stil auch die Werbung der Zeitungs- und Zeitschriftenverlage ab, wenn sie deren Artikel, Reportagen oder Kolumnen auf ihre Seiten heben. Bis zu 80 Prozent der durch die Verlage generierten Werbung nehmen die digitalen Global Player einfach mit. Das hat natürlich fatale Auswirkungen auf das Geschäft – auch der deutschen Medienhäuser.

Jeder Mediennutzer, der aufmerksam die politischen und gesellschaftlichen Debatten verfolgt, weiß um den Wert des Qualitätsjournalismus. Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sieht in den Idealen des guten Journalismus ein Instrumentarium für eine verantwortungsvolle Kommunikation der Gesellschaft insgesamt. Er spricht von einer „redaktionellen Gesellschaft“: Weil heute jeder ein „Sender“ von Inhalten in den öffentlichen Raum sein kann, muss auch jeder sein eigener „Redakteur“ sein. Das macht unsere professionelle journalistische Arbeit nicht überflüssig. Im Gegenteil! Das Smartphone kann ein großartiges Instrument für Kommunikation und Information sein. Es erlaubt aber auch, dass in Sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter jeder seine Wut, seine Empörung, seinen Hass schranken- und grenzenlos verbreiten kann.

Zudem bieten sogenannte „Bots“ mit automatisiert ausgespielten Inhalten beispiellose Möglichkeiten der Desinformation. Verschwörungstheorien und Hetzkampagnen im Netz kommen zunehmend so daher, als wären es journalistische Inhalte. Wir Journalisten dürfen uns von alldem nicht beirren lassen. Wir müssen schreiben und senden, was ist. Wir müssen beharrlich aufdecken und wahrhaftig berichten. Wir müssen hart kritisieren, aber auch fair und ausgewogen informieren.

Als „vierte Gewalt“ in der Demokratie haben die klassischen Medien und ihre Macher eine besondere Verantwortung für das Gemeinwesen, dessen Zusammenhalt durch „alternative Fakten“ bedroht wird – zumal dann, wenn diese von höchsten staatlichen Stellen in den öffentlichen Diskurs eingespeist werden. Es geht hier keineswegs nur um Fragen von wahren und falschen Informationen oder um den mehr oder weniger starken Ausschlag von Erregungs-Seismografen in einer „großen Gereiztheit“ (Pörksen). Es geht um die Verlässlichkeit und Belastbarkeit unserer Kommunikation insgesamt. Nicht ohne Grund genießen Meinungs- und Pressefreiheit den besonderen Schutz unserer Verfassung. Und hier sehen wir als Journalisten unsere vornehmste Aufgabe. Wir wollen optimal dafür gewappnet sein, sie auch in Zukunft zu erfüllen.

Das bedeutet: Die klassischen Tugenden, die handwerklichen Regeln und die ethischen Standards des Journalismus werden wir auch in Zukunft hochhalten. Wir müssen sie aber immer wieder neu ausbuchstabieren. So bin ich davon überzeugt, dass wir noch mehr Vertiefung der reinen Nachricht brauchen, noch mehr Hintergrund, mehr Analyse, mehr Einordnung. Nicht als Belehrung oder Lenkung unserer Leser, sondern als verlässliche Begleitung ihres Alltags. Hierfür werden neue Erzählformen vonnöten sein, insbesondere im Digitalen. Das „Storytelling“ – das Erzählen guter, spannender, bereichernder Geschichten -war von jeher und ist auch künftig unser Metier. Die digitale Welt eröffnet uns dafür neue Möglichkeiten.

Für uns als regionale Tageszeitung liegt eine große Chance in dem, was man gänzlich ideologiefrei „Heimatverbundenheit“ nennen darf: Wir sind diejenigen, die sich im lokalen und regionalen Umfeld am besten auskennen. Wir betrachten die nationale und internationale Politik, die Ereignisse in Wirtschaft und Kultur – kurz, das „Weltgeschehen“ – aus „rheinischer Perspektive“. Nicht provinziell, nicht kleinkariert, sondern mit dem Wissen und dem Gespür dafür, was die Menschen in Köln und der Region bewegt. Ich bin überzeugt, dass wir die Verbundenheit mit unserem Publikum auf diese Weise am besten stärken und zugleich das Gefühl vermitteln können: Journalismus wird gebraucht – heute und morgen!