Von Hans Jürgen Kerkhoff

Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl

Europa und Stahl – beides ist historisch eng miteinander verwoben. Liegt der Ursprung der Europäischen Union doch in der früheren Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS). Seitdem ist die Stahlindustrie in Europa fest mit dem europäischen Projekt verbunden. Und auch heute bekennt sich die Branche in Deutschland zum gemeinsamen Staatenverbund. Deswegen haben die Stahlunternehmen ihre Belegschaften dazu aufgerufen, sich am 26. Mai 2019 an der Europawahl zu beteiligen.

Viele persönliche Lebenswege sind heute ohne das vereinte Europa kaum noch vorstellbar. Für mein Studium verschlug es mich unter anderem nach Großbritannien. In meiner Laufbahn bei der Wirtschaftsvereinigung Stahl lernte ich als Leiter des Brüsseler Büros die Hauptstadt Europas kennen und schätzen. Die erlebte Freizügigkeit in der Europäischen Union ist für mich ein Wert, für den es sich zu kämpfen lohnt.

Die Verteidigung der europäischen Idee und Werte wird durch die aktuellen Herausforderungen für die europäischen Partner zunehmend schwieriger: Das Wachstum des Welthandels hat sich verlangsamt und die gesellschaftliche Zustimmung zur Globalisierung abgenommen. Weltweit nehmen im Gegenzug der Protektionismus und die Abschottung zu. Multilaterale Organisationen wie die Welthandelsorganisation haben ihre ordnende Kraft eingebüßt und somit ihre Wirkmächtigkeit gegen staatskapitalistische Strömungen und zunehmende protektionistische Regelverletzungen weitgehend verloren.

Und die Herausforderungen werden weiter zunehmen, denn der Welthandel entfernt sich vom fairen Wettbewerb. Blicken wir in Richtung USA, so sehen wir uns möglichen Importzöllen im Automobilbereich gegenüber. Stahl aus Europa ist bereits seit mehr als einem halben Jahr mit Strafzöllen belegt. Wir können nur erahnen, welchen Schritt der US-amerikanische Präsident als Nächstes plant. Auf Ebene der G20-Staaten drängt die Europäische Union auf den Abbau von Subventionen. Hier steht insbesondere China in der Verantwortung. Neben der zentralen Handelspolitik kann auch europäische Industriepolitik eine Antwort auf diese neuen internationalen Veränderungen sein.

Vielmehr sind es die Errungenschaften und Vorteile eines vereinten Europas für jeden Einzelnen von uns, die betont werden müssen.

Dem Europäischen Parlament wird bei der Bewältigung dieser Herausforderungen eine entscheidende Rolle zukommen: Mit der Europawahl im Mai wird auch die politische Ausrichtung in der Europäischen Union in den kommenden Jahren bestimmt. Im globalen Machtgefüge zwischen China, Russland und den USA können wir zwar versuchen, uns einzeln Gehör zu verschaffen. Wirklich sicher ist uns die Aufmerksamkeit allerdings nur, wenn wir als Europäer für unsere Grundwerte gemeinsam einstehen. Die Antwort auf die internationalen Herausforderungen kann nicht in einem „weniger Europas“ liegen. Deshalb sollten wir der Europäischen Union den Rücken stärken und sie zu einem entschiedeneren Auftreten bei internationalen Verhandlungen ermutigen.

Für die Stahlindustrie in Deutschland ist die europäische Integration auch eine Erfolgsgeschichte. Besonders hervorzuheben ist der gemeinsame Binnenmarkt: Rund 80 Prozent des in Deutschland produzierten Stahls werden in der Europäischen Union weiterverarbeitet. Daher ist der freie und faire Handel mit den anderen Mitgliedsstaaten für uns von großem Wert.

Ich will damit sagen: Dies sind nicht die Zeiten, in denen wir uns mit Kritik an der Europäischen Union aufhalten sollten. Am Ende schaden wir uns damit nur selbst. Vielmehr sind es die Errungenschaften und Vorteile eines vereinten Europas für jeden Einzelnen von uns, die betont werden müssen.

Die Europawahl im Mai entscheidet über die künftige Entwicklung der Europäischen Union und somit auch über Wohlstand und Frieden. Wir können daran mitwirken, dass die Gemeinschaft gestärkt aus dieser Wahl hervorgeht. Denn die Zukunft Europas liegt in unseren Händen.