Von Dr. Jürgen-Johann Rupp

Vorstand Finanzen RAG Aktiengesellschaft

„Die Kohle geht, die Probleme im Ruhrgebiet bleiben“, wie oft wurde in jüngerer Zeit dieses Mantra kommuniziert. Aber auch so gegensätzliche Sätze wie „Der Strukturwandel ist beendet“ oder „Das Ruhrgebiet bleibt nach Kohle und Stahl abgehängt“, sind immer wieder zu lesen. Lebt und arbeitet man in dieser Region, so kann man feststellen, weder übergroße Skepsis noch zu großer Optimismus bestimmen die Lebenswirklichkeit der Entwicklung. Dabei fällt auf, dass in den öffentlichen Diskussionen weniger die positiven Beispiele als mehr die negativen Begleiterscheinungen des Wandels der Ruhrregion eine Rolle spielen. Schade eigentlich, denn es ist bereits Vieles bewegt worden und viel Positives auf dem Weg.

Strukturwandel erlebt die Ruhrregion bereits seit knapp 200 Jahren. Die bäuerlich, land­wirt­schaftlich geprägte Region ist im Zuge der Industrialisierung zu einer der größten Industrie­regionen gewandelt worden. Mit dem Niedergang der Steinkohleregionen nach der ersten Kohlekrise 1958 hat das Ruhrgebiet einen ständigen Wandel angestoßen und durchlebt. Hoch­schulen, moderne Industrien und Innovationscluster sind entstanden. Aber das Ruhrgebiet hat dabei auch erlebt, was übrigens alle Regionen Deutschlands auch durch­gemacht haben: Der Strukturwandel ist kein Prozess mit Enddatum, sondern eine ständige Herausforderung und eine nicht enden wollende Aufgabe, um Regionen, Unternehmen und Menschen für die Anforderungen einer globalisierten Welt fit zu machen.

Der Steinkohlenbergbau hat zu diesem Strukturwandel nicht nur in den Kohleregionen, sondern für ganz Deutschland einen wesentlichen Beitrag geleistet: Der Wiederaufbau nach dem Krieg, die sichere Versorgung mit Energie, das deutsche Wirtschaftswunder wären ohne die Steinkohle undenkbar gewesen. Auch war die Steinkohle am ersten Schritt für die euro­päische Einigung mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl beteiligt. Ohne diese ersten Schritte gäbe es wahrscheinlich heute keine Zollunion und keinen grenzen­losen Warenverkehr und auch keine europäische Freizügigkeit für Waren, Dienst­leistungen und Menschen.

Und seit der ersten Kohlekrise erlebt das Ruhrgebiet, erlebt die RAG Aktiengesellschaft (RAG), den Strukturwandel. Mit der rückgehenden Förderung war ein ständiger Konversions­prozess in der Ruhrregion verbunden, an dem die RAG als einer der großen Flächenbesitzer und Arbeitgeber in vorderster Front mit beteiligt war.

„Strukturwandel in der Ruhrregion ist also nicht beendet, ist nicht allein Problem, sondern in erster Linie Herausforderung und Chance.“

Und dieser Strukturwandel wird auch nach dem Ende der Steinkohlenförderung nicht inne­halten. In einem überschaubaren Bereich wird die RAG ihren Beitrag für die Entwicklung des Ruhrgebiets und vielleicht auch darüber hinaus leisten. Die RAG wird sich nach Einstellung der Förderung zum einen um die so genannten Ewigkeitsaufgaben kümmern. Mit modernem Grubenwassermanagement, mit der Regulierung des oberflächennahen Grund­wassers so­wie mit der Grundwasserreinigung wird sie nachhaltig die Voraussetzungen dafür schaffen, dass von Bergbauaktivitäten keine Gefahren für die Menschen, aber auch für öffentliche Interessen ausgehen. Damit will die RAG beispielgebend für die weltweite Notwendigkeit der Befassung und Bearbeitung von Bergbaufolgen sein. Innovationen werden hier der ständige Begleiter sein, denn der Umgang mit diesen Aufgaben wird zu­gleich eine ständige Optimierungsaufgabe werden. Damit wird die Region in der Lage sein, sich zu entwickeln ohne sich mit den Hinterlassenschaften des Bergbaus zu belasten und zugleich die Erfahrungen an der Ruhr als Einstieg in die Vermarktung auch dieses Know-hows nutzen. Zum anderen wird die RAG die noch auftretenden Bergschäden an privatem oder öffent­lichem Eigentum beseitigen. Für die Finanzierung ist sowohl bei der RAG als auch bei der RAG-Stiftung ausreichende Vorsorge getroffen worden.

Einen wesentlichen Beitrag zum Strukturwandel wird die RAG auch weiterhin durch die Revitalisierung von ehemals betrieblich genutzten Flächen leisten. Gewerbe- und Industrie­ansiedlungen, aber auch Quartiersentwicklungen werden dadurch initiiert werden, der Flächenbedarf für den notwendigen Strukturwandel gedeckt. Dabei wird RAG sich nicht nur auf eigene Flächen, sondern auch auf Flächen Dritter mit industrieller Vornutzung konzentrieren. Denn Strukturwandel braucht Fläche, benötigt insbesondere auch Industrie­flächen. Denn nur geschlossene industrielle Wertschöpfungsketten werden sicherstellen, dass für alle unterschiedlichen Begabungen von Menschen adäquate Arbeitsplätze zur Ver­fügung stehen werden. Voraussetzung für den erfolgreichen Strukturwandel ist die Über­zeugung der hier lebenden Menschen, den Wandel nicht nur erleiden zu müssen, sondern aktiver Teil der Veränderung zu sein.

Strukturwandel in der Ruhrregion ist also nicht beendet, ist nicht allein Problem, sondern in erster Linie Herausforderung und Chance. Und die Chancen werden heute genutzt und in Zukunft genutzt werden: Innovative Start ups, neue Konzepte der Zusammenarbeit von Unternehmen, neue Formen des Zusammenlebens, attraktive Hochschulen, ein neues Auf­bruchs­denken ist fest­zustellen. Mit der geplanten Ruhrkonferenz der Landesregierung werden zusätzliche Impulse gesetzt werden. Sehen wir das Glas nicht halb leer, sondern halb voll. Wichtig ist es, diese Aufbruchsgedanken den Schwarzsehern entgegen zu stellen. Und besinnen wir uns dabei auf das, was die Region stark gemacht hat: Auf die Menschen, die solidarisch, verlässlich, loyal, mit erfrischender Ehrlichkeit und Offenheit und Verant­wortungs­bewusstsein die Region gestaltet haben. Ihnen wird es auch gelingen, die neuen Herausforderungen zu meistern.