Von H. Christian Leonhards

Präsident des Verbandes Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Nordrhein-Westfalen e.V. – VGL NRW e.V.

Beim Wort Infrastruktur denken die meisten Menschen heute noch immer zuerst an Verkehrswege, Glasfaser- und Stromnetze. Angesichts der Corona-Pandemie, die unser Land derzeit stark unter Druck setzt, rücken zunehmend auch die Lieferketten ins Blickfeld. Keine Frage: Mobilität, Kommunikation und Energie sowie die Versorgung mit Waren sind wesentliche Voraussetzungen für die Wirtschaft unseres Landes. Unternehmen treffen die Wahl ihres Standortes oder weitergehende Investitionsentscheidungen aber nicht nur auf der Basis einer funktionierenden technischen Infrastruktur. Zu den wichtigen Standortfaktoren gehört auch die grüne Infrastruktur. Lange unterschätzt, ist sie heute ein Zukunftsthema. Gerade auch Politik und Medien haben einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass grüne Außenanlagen, Parks und Gärten und die damit verbundenen Wohlfahrtswirkungen in der breiten Öffentlichkeit positiv wahrgenommen werden.  Dabei besitzt die grüne Infrastruktur seit jeher eine elementare Bedeutung für Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft. Gelingt es uns, Grün im urbanen und im ländlichen Raum zu stärken und nachhaltig aufzuwerten, wirkt sich das positiv auf die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft und die Attraktivität unserer Städte aus. Dafür müssen alle Akteure zusammenwirken.

Nicht nur in Industrie, Logistik und Produktion ist heute alles mit allem verbunden. Für immer mehr Menschen ist es wichtig, in der Nähe ihrer Arbeitsstätte zu wohnen. In einem bevölkerungsreichen und dichtbesiedelten Land wie Nordrhein-Westfalen können wir diese Entwicklung nur begrüßen. Das heißt aber auch: Die Attraktivität eines Unternehmens bzw. (potenziellen) Arbeitgebers steigt mit dem Wohnraumangebot vor Ort. Wohnen wiederum muss bezahlbar und hochwertig sein. Grüne Außenanlagen wie Parks oder Gärten steigern den Wohnwert von Quartieren und dienen der Adressbildung. Für die Menschen gehören sie wie Kindergärten und Schulen, Geschäfte für den täglichen Bedarf oder kulturelle Angebote zu einem lebenswerten Umfeld dazu. Eine grüne Infrastruktur trägt damit ihren Teil dazu bei, dass die Unternehmen in unserem Land Mitarbeiter gewinnen und binden können.

Grünflächen und -anlagen bilden auch das ökologische Rückgrat unserer Städte. Nicht umsonst hat das Land Nordrhein-Westfalen die Weichen für mehr Grün in unseren Städten bereits vor rund drei Jahren mit einer neuen Richtlinie zur Grünen Infrastruktur gestellt. Mehr Grün- und Erholungsflächen werden geschaffen, miteinander vernetzt und aufgewertet. Das Land strebt damit eine nachhaltige Verbesserung der Klima- und Umweltbedingungen an. Die heißen und trockenen Sommer der letzten beiden Jahre haben uns gezeigt, dass dies dringend geboten ist.

„Gelingt es uns, Grün im urbanen und im ländlichen Raum zu stärken und nachhaltig aufzuwerten, wirkt sich das positiv auf die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft und die Attraktivität unserer Städte aus.“

Gegen den Hitzestress in der Stadt hilft mehr Grün. Die aktuelle Forschung zeigt, dass eine intensive Begrünung das lokale Klima effektiv regulieren und die Temperaturen in verdichteten Bereichen um drei bis fünf Grad senken kann. Gebäude stellen hier ein erhebliches Potenzial dar: Grüne Fassaden und Dächer leisten nicht nur einen Beitrag dazu, die Hitze zu bekämpfen, sondern auch Starkregenfälle zurückzuhalten, die wir in den vergangenen Jahren vermehrt beobachten. Begrünte Dächer steigern im Sommer darüber hinaus die Leistungsfähigkeit von Photovoltaik-Anlagen durch Kühlung der Module um bis zu 20 Prozent.

Verkehrswege werden bei den Überlegungen zu einer grünen Infrastruktur allerdings allzu oft noch vernachlässigt. Dabei lassen sich ohne Frage auch die Straßen in unseren Stadt- und Ortsteilen als Grün- und Lebensräume aufwerten. Auch solche Grünflächen bieten Tieren und Pflanzen einen Lebensraum und fördern so die biologische Vielfalt.

Industrieunternehmen, Wohnungswirtschaft und Kommunen sollten sich diese Erkenntnisse zur Wirksamkeit und Nachhaltigkeit der grünen Infrastruktur deutlich vor Augen führen: Wer in ein grünes Umfeld investiert, profitiert davon in barer Münze. Man denke allein an die Einsparungen bei der Unterhaltung von Gebäuden.

Nicht zu beziffern ist dagegen der Stellenwert von öffentlichem und privatem Grün als Kraftquelle für den Menschen. Die grüne Infrastruktur spannt ein soziales Netz. Grüne und naturnahe Areale in der Stadt sorgen dafür, dass sich die Menschen dort begegnen und dort miteinander kommunizieren können, wo sie wohnen. In Parks, auf Grünflächen und in Gärten können sie ihre Freizeit gestalten, Sport treiben und etwas für ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit tun. Wie wichtig das ist, wird uns während der Corona-Pandemie leider auf schmerzliche Weise bewusst.

Eine grüne Infrastruktur gibt es aber nicht zum Nulltarif: Investitionen in den Aufbau von Grünzügen und Grünflächen in unseren Städten und Gemeinden sind ebenso wichtig wie Investitionen in deren Pflege und den Erhalt. Die heutige Verkehrsinfrastruktur ist uns ein mahnendes Beispiel dafür, was passiert, wenn zu sehr gespart wird. Darüber hinaus gilt: Je gepflegter die Anlagen sind, umso mehr werden sie auch von den Menschen be- und geachtet.

Die Vorteile von Parks, grünen Außenanlagen und Gärten in unseren Stadt- und Ortsteilen lassen sich gar nicht hoch genug ein- und wertschätzen. Mit unserem Verband stehen wir allen, die eine solche grüne Infrastruktur schaffen und erhalten wollen, mit Rat und Tat zur Seite: Zusammenhalt ist also im gegenseitigen Interesse und überdies das Gebot der Stunde.