Von Gunnar Herrmann

Vorsitzender der Geschäftsführung Ford-Werke GmbH

Die Automobilindustrie ist eine Schlüsselbranche in Deutschland. 832.800 Personen sind direkt in der Automobilindustrie beschäftigt, mehr als 2,5 Mio Menschen indirekt. Die Automobilhersteller und Zulieferer erwirtschafteten im vergangenen Jahr einen Umsatz von mehr als 436 Mrd. Euro. Die Unternehmen der Branche zahlten im Jahr 2019 in Deutschland 57,5 Mrd. Euro Löhne und Gehälter. Darüber hinaus finden Steuereinnahmen von jährlich etwa 93 Mrd. (2018) ihre Quelle in der Automobilindustrie und der Nutzung von Kraftfahrzeugen. Mehr als 100 Mrd. Euro beträgt der Waren- und Materialeingang aus anderen Wirtschaftsbereichen. Die Branche investiert jährlich etwa 45 Mrd. Euro in Forschung und Entwicklung (2018). Von den zehn forschungsstärksten Unternehmen in Deutschland gehören neun zur Automobilindustrie.

Insgesamt investiert die Branche mehr als die Elektrotechnik-, der Maschinenbau- und die Chemiebranche zusammen. Die Produktion dieser Schlüsselbranche ist durch das Corona–Virus in den Monaten März bis Juni fast komplett zum Erliegen gekommen. Besonders stark von den Folgen der Corona-Krise sind die LKW-Märkte betroffen. Für 2020 wird so derzeit mit einem Rückgang der Märkte für schwere LKW in Westeuropa um über 30 Prozent ausgegangen, für PKW immerhin noch um 25 Prozent, was die gesamte Branche vor schwere wirtschaftliche Probleme stellt. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall schätzt, dass derzeit über eine Millionen Arbeitnehmer in der Metall- und Elektroindustrie in Kurzarbeit sind, viele davon in der Automobilindustrie. Die Automobilindustrie ist eine industrielle Lokomotive für den Standort, auch für den Standort NRW. Sie muss schnell wieder Fahrt aufnehmen und dabei auch noch einen Technologiewandel stemmen, der wohl einmalig ist.

Beim kürzlichen Gipfel im Kanzleramt stand die gemeinsame Anstrengung von Politik und Industrie im Mittelpunkt, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Automobilindustrie in Deutschland weiterhin treibende Kraft in der Transformation zur zukünftigen Mobilität bleiben kann, dass Innovationen gefördert und vor allem die Arbeitsplätze gesichert werden. Die wirtschaftliche Lage ist ohne Zweifel angespannt und wird auch noch eine ganze Weile kritisch bleiben. Die gesamte Automobilbranche befindet sich im Wandel. Angesichts des Technologieumbruchs als auch den Folgen der Corona-Pandemie kann man kein schnelles Wachstum erwarten, wir rechnen bestenfalls mit einer Stagnation oder sogar einem Schrumpfen der Wirtschaft. Das bedeutet für uns bei den Ford-Werken, dass wir langfristige Zukunftsinvestitionen in unsere deutschen Standorte tätigen müssen.

Die Automobilindustrie ist eine industrielle Lokomotive für den Standort, auch für den Standort NRW. Sie muss schnell wieder Fahrt aufnehmen und dabei auch noch einen Technologiewandel stemmen, der wohl einmalig ist.

Seit fast 100 Jahren produzieren wir in Deutschland Fahrzeuge, nämlich in Saarlouis im Saarland, und in Köln. Gerade mit dem Land NRW sind wir durch unsere Standorte in Köln und Aachen mit über 16.000 Beschäftigten sehr verbunden: In Aachen befindet sich das Ford Forschungs- und Entwicklungszentrum, das sich schwerpunktmäßig mit automatisiertem und vernetztem Fahren beschäftigt; Köln beherbergt neben der Ford Fiesta-Fertigung ein europaweites Entwicklungszentrum, Testrecken, Windkanal, Designzentrum sowie die Hauptsitze der Europa- und Deutschlandzentrale. Mit unseren fast 22.000 Beschäftigten in Deutschland stehen wir vor einem Technologiewandel, dem wir uns mit Begeisterung und Neugierde unterziehen. Diesen müssen wir nun aus einer wirtschaftlichen Stagnation heraus stemmen. Schon vor der Pandemie sahen wir die Herausforderung, dass wir den Strukturwandel im Bestand durchführen müssen. Das EU-Beihilferecht steht dem im Wege. Es ist bedauerlich, dass es sich fast mehr rechnet, neu auf der grünen Wiese in einem Fördergebiet, wie Tesla in Brandenburg, zu bauen, als in den Bestand zu investieren und technologisch neu auszurichten. Das ist ein immenser Wettbewerbsnachteil – auch innerhalb der EU. Für diesen „Strukturwandel im Bestand“ brauchen wir in NRW auch bessere Unterstützung der Landes- und Bundesregierung sowie der EU-Kommission: Die Transformation der Automobilindustrie zur Produktion von elektrisch und autonom betriebenen Fahrzeugen muss unabhängig von dem jeweiligen Standort des Werkes förderfähig gemacht werden.

Die Bundesregierung hat eine klare Vision: Deutschland soll Vorreiter werden beim Automatisierten und Autonomen Fahren werden. Mit unserem Forschungszentrum in Aachen und Produktentwicklung in Köln-Merkenich sind wir hier gut aufgestellt. Wir sind bereits in einigen Testfeldern in Deutschland unterwegs; es wäre ein großer Schritt, mit unseren Pilotfahrzeugen im Mischverkehr auf deutschen Straßen fahren zu können.