Von Joachim Rumstadt

Vorsitzender der Geschäftsführung der STEAG GmbH

In deprimierender Regelmäßigkeit attestieren wissenschaftliche  Studien dem Ruhrgebiet: Die Menschen, die hier leben, sind überdurchschnittlich alt, sie sind überdurchschnittlich häufig arbeitslos, dem regionalen Arbeitsmarkt fehlt die erforderliche Dynamik. Zuletzt war es die Studie „Deutschlands Regionen im Vergleich“ des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die zu dem Ergebnis kommt: In 19 von insgesamt 96 Regionen der Bundesrepublik besteht aufgrund schlechter Rahmendaten akuter Handlungsbedarf. Vier der 19 Regionen liegen in Nordrhein-Westfalen – sie ballen sich entlang der Ruhr.

Für mich ein schmerzlicher Befund. Tatsache ist: Während Metropolen wie Berlin, Hamburg und München boomen, drohen  große Teile des Ruhrgebiets abgehängt zu werden. Denn während Politiker in Düsseldorf Hilfe aus Berlin erwarten, zeigt der Bund mahnend auf die hiesige Landesregierung. Dazwischen stehen die ausgezehrten und ausgepressten Kommunen, die aufgrund von Überschuldung nur noch Pflichtaufgaben bewältigen und in den Augen ihrer Bürgerinnen und Bürger nahezu handlungsunfähig erscheinen.

Dieses Bild vermittelt das Ruhrgebiet, während wir in einer globalisierten Welt im Wettbewerb der Regionen stehen: Sinkt die Lebensqualität für junge Menschen und junge Familien, wandern sie heutzutage einfach ab. Das Ruhrgebiet ist somit ein Verlierer der modernen Beweglichkeit. Es hat eine ausgeprägte und differenzierte Bildungslandschaft, an den Universitäten zwischen Duisburg im Westen und Dortmund im Osten wird hervorragende Arbeit geleistet. Wir können aber die erstklassig ausgebildeten jungen Menschen, die wir mit dem beruflichen Rüstzeug ausstatten, nicht dauerhaft in unserer Heimat halten.

Deshalb müssen wir den Blick konsequent nach vorn richten. Vielleicht hilft die Zäsur, die wir mit der Schließung der letzten Steinkohlenzeche am 21. Dezember 2018 in Bottrop erlebt haben. Bei aller Verbundenheit mit dem Bergbau: Die Steinkohleförderung an der Ruhr ist endgültig eingestellt. Damit können wir nicht mehr den Entscheidungen von gestern hinterhertrauern und den Status quo bemängeln.

Ab jetzt brauchen wir zwingend eine Vorstellung davon, wie wir heute und morgen zusammenleben wollen. Wir werden uns verändern müssen. Und deshalb müssen wir die Menschen neugierig machen auf die Antworten, die diese Zukunftsfragen betreffen. Sonst machen diese Fragen Angst. Angst, die politische Sprengkraft entwickelt. Angst, die Gesellschaft spaltet.

„Wir müssen das gesamtgesellschaftliche Umfeld schaffen, das herausfordernde berufliche Aufgaben bietet und familiäre Zukunftsplanung in einer modernen Region ermöglicht. Das Gesamtpaket Ruhrgebiet liegt in der gemeinsamen Verantwortung.“

Eine dieser gesamtgesellschaftlichen Fragestellungen lautet: Wie schützen wir das Klima, während Strom für die Menschen bezahlbar bleibt und wir die Versorgungssicherheit nicht aufgeben? Wie gestalten wir im Energieland Nordrhein-Westfalen die Energiewende für Deutschland? Wir müssen im Ruhrgebiet die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass hier vor Ort industrielle Zukunft gestaltet werden kann. Diese Verantwortung tragen die Industrieunternehmen nicht allein. Wir müssen das gesamtgesellschaftliche Umfeld schaffen, das herausfordernde berufliche Aufgaben bietet und familiäre Zukunftsplanung in einer modernen Region ermöglicht. Das Gesamtpaket Ruhrgebiet liegt in der gemeinsamen Verantwortung.

Die von der Landesregierung ins Leben gerufene Ruhr-Konferenz setzt an dieser Stelle an: In rund 20 Foren werden Themen wie Verkehr, Bildung, Sicherheit, Gesundheit, Umwelt, Stadt- und Landschaftsplanung, Energiewende und Tourismus besprochen. Die Ergebnisse der Konferenz werden miteinander verknüpft und sollen die Blaupausen für eine positive Entwicklung der Region liefern. Das ist richtig und wichtig. Die Zukunft des Reviers kann nur hier vor Ort entworfen und gestaltet werden. Teure, aber nicht bedarfsgerechte Förderprogramme aus Düsseldorf oder Berlin haben bereits in den zurückliegenden Jahrzehnten nicht die erhoffte Wirkung entfaltet.

Fest steht aber auch: Die Situation hat sich mittlerweile so verschlechtert, dass viele der in akuter Finanznot steckenden Städte im Ruhrgebiet die großen Herausforderungen aus eigener Kraft nicht mehr meistern können. Bund und Land müssen den Kommunen durch eine nachhaltige Entlastung bei den Sozialausgaben und eine Altschuldenregelung entgegenkommen, damit sie wieder über die erforderlichen Mittel zur Gestaltung einer besseren Zukunft verfügen. Andernfalls, befürchte ich,  bleiben die Ergebnisse der Ruhr-Konferenz abstrakt und wenig hilfreich.

Ehrgeizige Pläne und Leuchtturmprojekte können für Aufbruchstimmung sorgen, aber die Menschen hier vor Ort brauchen Resultate in der Fläche. In Dortmund werden erfolgreich die Kräfte aus Stadt, Wirtschaft und Wissenschaft in einem einzigartigen Netzwerk gebündelt – auch mit Kooperationsstrategien innerhalb und außerhalb der Region. Der Phönix-See ist Sinnbild dieser Weiterentwicklung von tragfähigen mittelständischen Wirtschaftsstrukturen, die die traditionelle industrielle Prägung unserer Region ergänzen. Der Duisburger Hafen ist Ausgangspunkt für die Entwicklung der Logistikbranche in unserer Region und hat sich in Europa und weit darüber hinaus als Waren- und Dienstleistungsdrehscheibe etabliert.

Diese punktuellen Erfolge wirken lokal und entfalten Wirkung. Die regionale wirtschaftspolitische Klammer für das Ruhrgebiet fehlt aber weiterhin. Diese Lücke, die das Erbe der Montanindustrie hinterlassen hat, ist monothematisch nicht mehr zu schließen. Umso wichtiger ist es jetzt, zu kooperieren, regional zu denken und zu handeln. Das bedeutet schnellstmöglich: umfassende Ertüchtigung von Infrastruktur, spürbare Impulse für den Arbeitsmarkt, flächendeckender Breitbandausbau. Damit die Bürgerinnen und Bürger im Ruhrgebiet wieder Fortschritt spüren, damit wir Zukunft nicht mehr geschehen lassen müssen, sondern wieder gemeinsam Zukunft gestalten.