Von Christoph Metzelder

Geschäftsführer Jung v. Matt/sports, Gründer der Christoph Metzelder Stiftung und TV-Experte für Sky

Fußball verbindet, Fußball integriert, Fußball schafft – die schönste Nebensache der Welt ist viel mehr als ein einfacher Sport, in dem 22 Akteure einer Kugel hinterherlaufen. Als Kind des Ruhrgebiets weiß ich, welche Bedeutung der Fußball für eine Region hat und welche Impulse er setzen kann. In meiner Laufbahn hatte ich die Ehre, für die zwei größten Vereine des Reviers zu spielen und konnte so hautnah miterleben, dass der Fußball Lebensinhalt und oftmals auch ein sozialer und gesellschaftlicher Anker ist.

Auf Schalke eine Religion, in Dortmund ein Mythos – das Derby vor zwei Wochen hat wieder einmal gezeigt: Egal ob Blau-Weiß oder Schwarz-Gelb, das Ruhrgebiet ist das (Fußball)Herz unserer Republik. Wirtschaftlich angeblich abgehängt, vom Strukturwandel getroffen, von vielen als Wohn- und Arbeitsraum unterschätzt, zeigt sich der „Pott“ mit weiteren Vereinen wie dem VfL Bochum und dem MSV Duisburg trotz des vermeintlichen Standortnachteils als Nr. 1.

Jedes Wochenende pilgern tausende Fans in die Stadien und investieren viel Geld, um Ihre Mannschaft zu unterstützen. Vereine und Fans sind Wirtschaftsfaktoren zwischen Rhein und Ruhr! Während sich die klammen Kommunen Gelsenkirchen und Dortmund sich eher in den unteren Tabellenregionen tummeln, bewegen sich die beiden Vereine fußballerisch an der nationalen Spitze. Wie kann das sein? Noch vor zwei Wochen konnte jeder sehen und hören, als mehr als 60.000 Zuschauer auf Schalke ihr Team wie ein 12. Mann zum Derbysieg anpeitschten. Genauso feiern alle 14 Tage mehr als 80.000 Fans den BVB im Dortmunder Fußballtempel. Nirgendwo sonst in der Republik versprüht der Fußball eine derartige Energie und Begeisterung. Es sind also die Menschen, die den Fußballstandort Ruhrgebiet ausmachen, weniger ihre Kaufkraft!

„Das Ruhrgebiet ist die ideale Region, um für Aufbruchsstimmung zu sorgen. Die Menschen können die Ärmel hochkrempeln – und sie wissen, wie mit Optimismus und Zuversicht Strukturwandel bewältigt wird!“

Spricht man vom Ruhrgebiet, denkt man nicht nur an Schalke und Dortmund, sondern auch an Bergbau und Maloche. Das Ruhrgebiet gründet auf der Kohle, auf „ehrlicher“ Arbeit. Mehr als 600.000 Menschen arbeiteten einst in Hochzeiten in den Zechen. Zum Ende des Jahres wird nun das letzte Bergwerk des Ruhrgebiets in Bottrop geschlossen – das Ende einer denkwürdigen Ära, und zugleich die Chance, eine notwendige neue Epoche einzuleiten. Aber: Dafür brauchen wir Visionen, Ziele, Durchsetzungsvermögen. Ministerpräsident Armin Laschet hat nun die Ruhrgebietskonferenz einberufen, mit dem Ziel, das Ruhrgebiet wieder stärker zu machen – ein erster Schritt für einen gesellschaftlichen und auch wirtschaftlichen Aufbruch. Denn es wird Zeit, dass das Ruhrgebiet sein Potential ausschöpft, und das nicht nur auf sportlicher Ebene.

Im Herzen der Republik bietet die Region beste Voraussetzungen. DER Verkehrsknotenpunkt in Deutschland braucht aber auch die notwendige Infrastruktur, dann kann es auch für Nordrhein-Westfalen DAS Aushängeschild sein. Aber wenn man etwas verändern und erreichen will, geht es, wie im Fußball auch, um Investitionen. Um im Wettbewerb mitzuhalten, verließen die Schalker 2001 ihr geliebtes Parkstadion und zogen in eine neue Fußballarena ein. Das neue Stadion setzte Maßstäbe, an denen sich viele andere Vereine orientierten. Auch NRW hat die Chance, (wirtschaftliche) Maßstäbe zu setzen. Das Ruhrgebiet ist dafür die ideale Region, um für Aufbruchsstimmung zu sorgen. Die Menschen können die Ärmel hochkrempeln – und sie wissen, wie mit Optimismus und Zuversicht Strukturwandel bewältigt wird!

Mit den Menschen und den großen Chancen und Potenzialen sind die Grundlagen gegeben. Ganz wichtig vor allem im Ruhrgebiet: Euphorie und Aufbruchsstimmung können Berge versetzen. Das passende Beispiel liefern die Schalker: Ein neuer, junger und dynamischer Trainer bringt zu Saisonbeginn mit neuen Ideen frischen Wind mit. Er weiß von Beginn an, worauf es beim Gelsenkirchener Traditionsverein ankommt: Ärmel hochkrempeln und „malochen“. Die „Knappen“ berufen sich auf ihre alten Tugenden und haben nach einem schwachen Jahr plötzlich wieder Erfolg. Die Fans identifizieren sich wieder mit ihren Helden. Innerhalb weniger Monate konnte eine Euphorie erzeugt werden, die den Verein wieder in die Spitzenregionen des deutschen Fußballs katapultierten. In Spitzenregionen, in die auch das Ruhrgebiet als Wirtschaftsstandort gehört!