Von Arndt G. Kirchhoff

Präsident von unternehmer nrw und CEO der Kirchhoff Holding GmbH und Co. KG

In diesem Jahr schließt mit dem Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop die letzte Zeche im Ruhrgebiet. Es ist nicht nur für die Menschen im Ruhrgebiet eine Zäsur. Es ist zugleich das Ende des deutschen Steinkohlenbergbaus, dem wohl entscheidenden Wirtschaftszweig, der Deutschland zu einem entscheidenden Teil den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglicht und dem unser Land einen wohl einmaligen Aufschwung zu verdanken hat. Es waren der Bergbau und die Stahlindustrie, die das Ruhrgebiet viele Jahre lang zur Herzkammer der deutschen Wirtschaft machten.

Heute – einige Jahrzehnte später – ist das Ruhrgebiet in den Augen vieler eher eine Region, die für hohe Arbeitslosenzahlen und einen nur schleppenden Strukturwandel steht. Eine Region, die den Anschluss zu verlieren droht. Umso wichtiger ist das Vorhaben der Landesregierung, mit der angekündigten Konferenz zur Zukunft des Ruhrgebiets einen wichtigen Impuls zu setzen, um das Feuer in der bevölkerungsreichsten Region Deutschlands wieder neu zu entfachen. Das Ruhrgebiet ist der Schlüssel dafür, dass Nordrhein-Westfalen im Wettbewerb der Wirtschafts- und Industriestandorte bundes- und europaweit wieder auf die vorderen Plätze kommt. Ganz klar: Nur mit einem starken Ruhrgebiet kann auch unser Bundesland wieder auf Dauer stärker werden.

Ich finde es gut, dass die Landesregierung die Ruhrgebietskonferenz als einen mehrstufigen, strukturierten und nachhaltigen Prozess versteht. unternehmer nrw als Spitzenorganisation der NRW-Wirtschaft unterstützt diesen Prozess und will sich gern intensiv einbringen. Ich freue mich darüber, dass auch die regionalen Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände des Ruhrgebiets die Initiative der Landesregierung ausdrücklich unterstützen.

Die Ruhrgebietskonferenz ist eine große Chance. Sie kann der Start für einen neuen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufbruch in dieser Region sein. Die Herausforderungen sind groß. Große Anstrengungen und mutige Visionen werden nötig sein, denn das gemeinsame Ziel ist ambitioniert: Das Ruhrgebiet soll eine der modernsten Regionen Europas werden. Und das muss auch unser aller Anspruch sein.

„Die Ruhrgebietskonferenz ist eine große Chance. Sie kann der Start für einen neuen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufbruch in dieser Region sein.“

Das Revier braucht hierfür einen neuen Gemeinschaftsgeist. Denn der Prozess wird nicht gelingen, wenn mit möglichst vielen Einzelmaßnahmen möglichst viele Einzelinteressen bedient werden. Kein Denken in Risiken und Problemen, sondern in Chancen und Potenzialen. Der Prozess braucht gesellschaftliche Akzeptanz, auch landesweit. Deshalb müssen die Bedürfnisse und Interessen der angrenzenden Regionen und ganz Nordrhein-Westfalens mitgedacht und einbezogen werden. Der Fokus muss dabei auf der wirtschaftlichen Zukunftsfähigkeit des Ruhrgebiets liegen – und dabei auch auf Leitprojekte, die eine internationale Strahlkraft entfalten können:

Viele Sportstätten an Rhein und Ruhr halten jedem internationalen Vergleich stand. Warum also wollen wir uns nicht intensiv um eine Olympia-Bewerbung des Ruhrgebiets bemühen? Ich halte das für machbar. Warum wollen wir nicht die riesigen Potenziale der Hochschullandschaft dafür nutzen, um das neue Stanford oder Harvard im Herzen Europas entstehen zu lassen? Ich halte das für möglich. Und warum wollen wir nicht die Chancen der Digitalisierung nutzen, das Ruhrgebiet zur „Smart City“ Europas zu machen, die Arbeiten, Wohnen und Mobilität auf engstem Raum intelligent digital miteinander vernetzt? Ich halte das für realistisch.

Die Ruhrgebietskonferenz muss in Nordrhein-Westfalen echte Aufbruchsstimmung erzeugen. Dafür muss sie vor allem die jungen Menschen gewinnen. Dies gelingt nur mit einer besseren frühkindlichen Bildung und besseren Schulen. Kommunen, Land und Bund müssen mit einer massiven Investitionsoffensive – in Gebäude, Ausstattung und Personal – ein Zeichen für bessere Zukunftsperspektiven von Kindern und Jugendlichen im Revier setzen. Ich begrüße daher ausdrücklich die Einrichtung von „Talent-Schulen“, die die Landesregierung mit einer technischen und personellen Top-Ausstattung in Stadtteilen mit besonderen sozialen Herausforderungen einrichten will.

Das Ruhrgebiet ist eine pulsierende Metropolregion mit einer vielfältigen Sport- und Kulturlandschaft im Herzen Europas. Die Miet- und Lebenshaltungskosten sind vergleichsweise gering, die Infrastruktur ist gut. Ideale Voraussetzungen, um zu einem der attraktivsten Orte Europas für Gründer zu werden. Das Ruhrgebiet kann hier den nächsten Schritt machen – mit einer noch gründerfreundlicheren Politik und auf Gründer ausgerichteten Infrastrukturmaßnahmen. Dazu gehört auch ein Hub- und Campus-Netzwerk an der Ruhr, das neuen Gründungs- und Innovationsgeist erwecken kann.

Es ist ein Denken in großen Linien, das diese einzigartige Region mit ihren enormen Potenzialen und ihren fleißigen Menschen jetzt braucht. Der Aufholprozess, dessen Erfolg wir in Nordrhein-Westfalen uns wünschen, kann gelingen. Am Ende jedenfalls müssen Projekte und Ergebnisse stehen, die das Zeug haben, das Ruhrgebiet wirtschaftlich und gesellschaftlich nach vorn zu bringen. Denn ein starkes Ruhrgebiet wäre nicht nur gut für Nordrhein-Westfalen, es wäre gut für Deutschland und auch für ganz Europa.