Von Christian Kullmann

Vorstandsvorsitzender der Evonik Industries AG

Stark in der Krise

Die Pandemie hat unseren Alltag umgekrempelt: Kontaktverbote. Ausgangssperren. Veränderte Schichtpläne für die Beschäftigten in den Produktionsanlagen, kein Handschlag, kein Austausch mehr in der Kantine, Betriebssport wird zum Online-Angebot, der kleine Notebook-Bildschirm auf dem Esstisch zum Büro. Corona hat uns zu oft in die Zweidimensionalität von Videokonferenzen geführt. Dadurch dürfen wir den Blick für die Wirklichkeit nicht verlieren: Die reale Welt, in der wir uns bewegen, ist dreidimensional.

Die Chemieindustrie stellt sich der Realität, hat Verantwortung übernommen und in der Corona-Krise geliefert. Die rund 500.000 Beschäftigten in Deutschland haben mehr denn je einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft geleistet. Mit der Notfall-Plattform für Desinfektionsmittel konnte der evidente Mangel schnell behoben werden. Viele weitere Hilfsgüter wurden nachgefragt: Schnelltests, Schutzwände, Schutzkleidung. Gebraucht zu werden, hat unserer Branche neues Selbstvertrauen gegeben. „Chemie hilft“ – das war und ist weithin sichtbar. Das Motto gilt beim Impfen und Testen jetzt erst recht. Evonik konnte Covid-Impfstoffen sogar entscheidend zum Erfolg verhelfen, da unsere Lipidnano-Technologie Teil der mRNA-Innovation ist.

Globale Gesundheitskrise darf Klimakrise nicht überlagern

Die Entwicklung mehrerer höchst wirkungsvoller Impfstoffe in Rekordzeit wäre ohne internationale Kooperation von der Forschung über die Produktion bis zur Verteilung schlicht unmöglich. So macht die Pandemie überdeutlich, worauf es eigentlich ankommt: Es braucht größere internationale Anstrengungen und mehr Zusammenarbeit bei der Suche nach effizienten, zukunftsorientierten Lösungen. Das verbindet die Gesundheitskatastrophe Covid mit dem Kampf gegen den menschengemachten Klimawandel. Vieles ist zu ändern. Das alles muss schnell gehen. Und dennoch nachhaltig. Das heißt, orientiert an den Bedürfnissen der Menschen und der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Umwelt. Die Herausforderungen sind enorm. Auch und gerade für die heimische Chemieindustrie.

Evonik ist in 100 Ländern auf sechs Kontinenten rund um den Globus aktiv, betreibt Produktionsanlagen in 26 Ländern. Nach wie vor sind zwei Drittel unserer 33.000 Mitarbeiter an den zwanzig Standorten in Deutschland beschäftigt. Für uns als Arbeitgeber steht der Schutz unserer Beschäftigten an oberster Stelle mit strikten Sicherheits- und Hygienekonzepten schon vor der Covid-Krise. Wir haben es dank herausragender Team-Leistungen geschafft, seit der ersten Corona-Welle an unseren Standorten von Rheinfelden bis Marl, von Neuseeland bis Kanada, von Brasilien bis China weiterzuarbeiten und unsere Kunden verlässlich mit unseren Spezialprodukten zu versorgen. Damit sie zum Beispiel weiter wetterresistente Windräder und Solaranlagen bauen können. Damit zum Beispiel die Defossilisierung der Wirtschaft gelingen kann.

Die politisch gesetzten Zielvorgaben und Zeitpläne für Energiewende und Pariser Klimaabkommen sind bekannt und die Konsequenzen für die deutsche Chemieindustrie enorm: Kohleausstieg, Atomausstieg, die Sustainable Goals der Vereinten Nationen. Der EU Green Deal will Europa bis 2050 zum klimaneutralen Kontinent machen. Das alles bleibt finanziell, technisch und politisch eine große Herausforderung für die Chemie – der wir uns stellen. Uneingeschränkt. Wir arbeiten nicht nur „Fridays for Future“, sondern 24/7 und sind auf dem Weg: Wir arbeiten mit unseren Investitionsentscheidungen, mit unseren Forschungsschwerpunkten und Zukäufen an nachhaltigen Lösungen fürs Heute und für die Zukunft.

Evonik integriert Nachhaltigkeit systematisch ins Strategie- und Portfoliomanagement. Wir steigern kontinuierlich den Anteil unserer Produkte, die wir als „Next Generation Solutions“ bezeichnen, da sie im umfassenden Sinne nachhaltig und profitabel sind. Zudem verfolgen wir konsequent unsere Umweltziele: Bis 2025 wird Evonik die absoluten Emissionen im Vergleich zu 2008 halbieren – und das bei wachsendem Geschäft. Bereits heute erzielen wir 90 Prozent unseres Umsatzes mit Produkten und Lösungen, die in punkto Nachhaltigkeit über oder auf Marktniveau liegen.

So tragen wir zu nachhaltigem Wachstum bei – für unsere Kunden und für die Gesellschaft insgesamt. Denn ohne Wachstum geht es nicht. Wir verfolgen ein neues Verständnis von Wertsteigerung, von nachhaltigem Wirtschaften, das die Balance zwischen Ökologie, Ökonomie und sozialer Stabilität wahren muss. Ich bin überzeugt: es ist dieser ganzheitliche Ansatz, der uns bislang stabil durch die pandemiebedingte Krise geführt hat.

„Ohne Investitionen werden die Innovationen fehlen, die wir zwingend brauchen zur Bewältigung der Corona-Krise und der menschengemachten Klimakrise.“

Nachhaltige Chemie: In NRW und in der Welt

Hier in Nordrhein-Westfalen können wir auf Chemie-Unternehmen bauen, die nachhaltig strategisch aufgestellt sind, stark verwurzelt in Deutschland und in der Welt zu Hause. Wir brauchen gesunde Wurzeln, um in der Welt weiter wachsen zu können. Nationale Alleingänge und Reglementierungen dürfen Unternehmen, die im harten internationalen Wettbewerb stehen, aber nicht den zwingend notwendigen Raum für Kreativität, die Luft zum Investieren nehmen. Denn ohne Investitionen werden die Innovationen fehlen, die wir zwingend brauchen zur Bewältigung der Corona-Krise und der menschengemachten Klimakrise.

Wollen wir ernsthaft jene Industrieunternehmen schwächen, die Taktgeber in der Welt sind, wenn es um ressourcenschonende Produktionsverfahren geht, wenn es um modernste Anlagen geht, wenn es um faire Arbeitsbedingungen geht? Der weltweite Bedarf würde ja dann von anderen, weniger umweltfreundlichen Anbietern gedeckt werden. Absurd. Das macht keinen Sinn – nicht für die Ökologie, nicht für die Ökonomie und erst recht nicht für den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.

Denn hochinnovative Industrie macht „klimaneutral“ erst möglich: Dafür müssen Technologien wie die klimaneutrale Wasserstofferzeugung, das chemische Recycling und neue Methoden der Biotechnologie anerkannt und gefördert werden. Wir brauchen innovationsfreundlichere Rahmenbedingungen, um den Standort Deutschland für uns alle zu stärken. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt sollten Wirtschaft und Staat mittel- bis langfristig 3,5 Prozent in Forschung und Entwicklung investieren. Die Forschungsförderung muss ausgebaut werden.

Evonik investiert kräftig für ein nachhaltiges Morgen. Viele Hoffnungen ruhen auf Wasserstoff – ein Stoff mit Zukunft. Doch viele weitere Beispiele sind jetzt schon sichtbar – hier bei uns und in der Welt:

In Singapur haben wir seit 2014 mehr als eine Milliarde Euro investiert. Dort stehen die weltweit modernsten Methioninanlagen. Unsere Produkte unterstützen die Ernährungssicherheit für eine wachsende Weltbevölkerung und tragen dazu bei, den CO2-Fußabdruck in der Tierhaltung dabei so gering wie möglich zu halten.

In Nebraska, in den Weiten des Mittleren Westens der USA, hat Evonik zusammen mit DSM, einem Unternehmen aus den benachbarten Niederlanden, ein joint venture gegründet, das mit seiner algenbasierten biotechnologischen Innovation die Fischzucht revolutionieren und der Überfischung der Ozeane entgegenwirken könnte.

Unsere größte Einzelinvestition in der Unternehmensgeschichte machen wir hier – mitten in NRW: In Marl investieren wir für unseren Polyamid-12-Anlagenkomplex mehr als 400 Millionen Euro. Für mich persönlich verkörpert dieser Anlagen-Neubau die Stärke und Resilienz unserer Wirtschaft, ja unserer Gesellschaft. Inmitten der Pandemie bauen wir weiter an der Zukunft unseres Unternehmens, des Ruhrgebiets und treten den Beweis an, dass Deutschland ein hochattraktiver Industriestandort ist und bleibt – mit guten, hochqualifizierten Arbeitsplätzen, die unsere Volkswirtschaft dringend braucht.

Singapur, Nebraska, Marl – die ersten Pläne dafür liegen bereits viele Jahre zurück und sind nur drei Beispiele unseres nachhaltigen Unternehmenswachstums. Das alles zeigt: Nachhaltigkeit ist für die chemische Industrie nicht erst seit gestern ein wichtiges Prinzip der Unternehmenssteuerung. Im Sinn eines Dreiklangs zielen wir darauf, gesellschaftlichen Wohlstand mit wirtschaftlichem Wachstum zu ermöglichen, für sozialen Ausgleich zu sorgen und die natürlichen Lebensgrundlagen für künftige Generationen zu erhalten. Als verantwortungsvoller Arbeitgeber hier bei uns und in der Welt.

Wir tun dies aus der Überzeugung, dass sich im Sinn eines volkswirtschaftlichen Nutzens Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Wachstum und Profitabilität wechselseitig bedingen. Ökologie und Ökonomie sind eben kein Widerspruch! Klimaschutz kann hochprofitabel sein, und zwar in jeder Hinsicht. Das ist Wirklichkeit. Und wirklich nachhaltiges Handeln.