Von Dirk Wiese MdB

Stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion und Sprecher des Seeheimer Kreises in der SPD-Bundestagsfraktion

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie werden uns im Bildungsbereich noch lange beschäftigen. Bei den erheblichen Transformationsherausforderungen unserer Wirtschafts- und Arbeitswelt, steht (Aus-) Bildung am Anfang der Betrachtungen. Wir als SPD haben dabei stets das gleichrangige Zusammenspiel von Wirtschaft, Arbeit und Umwelt im Blick.

Die Pandemie hat vor allem junge Menschen hart getroffen. Sie hat die eklatant unterschiedlichen Niveaus der digitalen Lerninfrastruktur oder beim Personal offengelegt. Nun ist es aber so, dass in den Schulen, Berufsschulen und Universitäten die nächste Generation ausgebildet wird, die zukünftig unser Land voranbringen soll. Deswegen ist es an uns, jetzt die besten Rahmenbedingungen zu schaffen. Und: Wir müssen ihnen und ihrer Zukunft die Aufmerksamkeit entgegenbringen, die sie verdienen. Vor allem nach Corona.

Dass der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann von den Grünen ausgerechnet das Bundesbildungsministerium abschaffen möchte, ist daher mit Blick auf die Schulpolitik in Baden-Württemberg oder in meinem Bundesland Nordrhein-Westfalen mehr als verwunderlich. Gerade die nordrhein-westfälische Bildungsministerin Gebauer von der FDP ist ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte. Übergeordnete Linien können notwendigerweise nur mit dem Bund festgelegt werden, eben weil sie so relevant für die Zukunft sind. Wir haben im letzten Jahr gesehen, dass ein Kooperationsgebot zwischen Bund und Ländern essenziell ist, wie z.B. bei der Sofortausstattung mit Tablets.

Verstörend ist die Forderung insbesondere, wenn man liest, dass die Bildungschancen hierzulande noch immer stärker als in anderen Industrieländern von der sozialen Herkunft abhängen. Erst kürzlich hat das Statistische Bundesamt festgestellt, dass reiche Familien dreimal mehr für Lebensunterhalt und Teilhabe ihrer Kinder ausgeben (können) als arme. Diese soziale Ungleichheit lässt sich nicht nur auf Länderebene bekämpfen!

Auch hier hat die Pandemie als Verstärker gewirkt. Dort, wo Eltern neben Homeoffice helfen konnten, ein Laptop und eigenes Zimmer vorhanden waren, wurden negative Auswirkungen besser abgefedert, Benachteiligungen hingegen verstärkt.

Das ist nicht nur ungerecht, es ist auch fahrlässig! Bildung ist das Fundament, auf das wir unsere Zukunft bauen. Deswegen müssen wir die Lücke der Bildungsausgaben zu den OECD-Spitzenstaaten schließen. Nur durch gut ausgebildete Menschen kann ein Land innovationsfähig und wettbewerbsfähig sein. Sie sind Ausgangspunkt für eine fortwährende Modernisierungskraft.

„Nur durch gut ausgebildete Menschen kann ein Land innovationsfähig und wettbewerbsfähig sein. Sie sind Ausgangspunkt für eine fortwährende Modernisierungskraft.“

Wir müssen künftig also mehr Mittel aufbringen, um Orte zu schaffen, an denen es Spaß macht zu lernen, aber auch zu arbeiten. Lehrerinnen und Lehrer müssen den gestiegenen Anforderungen entsprechend vernünftig bezahlt werden. Mit mehr Weiterbildungsmöglichkeiten, Aufstiegsperspektiven oder der Erleichterung von Quereinstieg insbesondere an Berufsschulen sollen die Berufe attraktiver gemacht und Personalmangel entgegengewirkt werden. Apropos: Zukünftig werden Laufbahnwechsel immer häufiger vorkommen. Auch Diversität wird eine zunehmende Rolle spielen. All dies kann jedoch positive Vorbilder und Identifikationsmöglichkeiten für junge Menschen schaffen.

Unsere Schulen sind zentraler Ort des Miteinanders. Hier wird nicht nur „Stoff“ gelernt, hier wird gesellschaftliches Leben beigebracht und die eigene Blase aufgebrochen. Dies gilt es zu fördern, um junge Menschen zu mündigen Demokratinnen und Demokraten auszubilden.

Aber nicht nur der Staat ist gefragt. In meinem Wahlkreis, dem Hochsauerlandkreis, findet sich eine große Dichte an mittelständischen Unternehmen. Er ist Teil der Industrie–und Wirtschaftsregion Südwestfalen. Hier schlägt das industrielle Herz NRWs. Für mich ist es wichtig, mit den Unternehmen in einem konstanten Austausch zu stehen. Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften brauchen einen steten Dialog, um den Bedürfnissen noch gerechter zu werden. Aus diesem Grund sollte Bildungspolitik noch viel stärker verzahnt mit Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik gedacht werden. Das zeigt sich besonders beim Thema Fachkräftemangel.

Unser duales Berufsbildungssystem ist zurecht weltweit anerkannt. Die Verbindung von Lehre in den Berufsschulen und der Praxis in den Betrieben ist bestens geeignet, um flexibler auf Umbrüche zu gestalten. Dies ist auch ein enormer Standortvorteil. Junge Menschen werden durch die Erfahrungen an Unternehmen herangeführt und an diese gebunden, dies sichert Beschäftigung und Perspektiven in Regionen wie meinem Wahlkreis. Daher gilt es, das Berufsbildungssystem zu modernisieren und zu stärken. Unverzichtbar ist auch eine ergebnisoffene Berufsorientierung an allen Schulformen, um junge Menschen für eine praktische Ausbildung zu begeistern. Und wir brauchen endlich eine Gleichwertigkeit in der Wahrnehmung von beruflicher und akademischer Bildung – auch das hat etwas mit Wertschätzung zu tun. Gerade im Hinblick auf das Handwerk vor Ort.

Als SPD wollen wir die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes sichern und ausbauen. Das schaffen wir nur mit einem guten Bildungssystem. Für mich ist klar, dass unser Land mit einer echten Chancengleichheit und viel Einsatz für erstklassige Bildungspolitik künftige Herausforderungen sehr gut meistern kann. Und das Gute daran ist: Wir müssen dieses Potenzial nur abrufen!