Von Jörg Rösler

Vize-Präsident des Bauindustrieverbandes Nordrhein-Westfalen und Mitglied des Vorstandes der STRABAG AG, Köln

„Insgesamt 527 Kilometer Stau in Nordrhein-Westfalen“ tönte es am Freitag vor Pfingsten aus dem Autoradio. Der „ganz normale Wahnsinn“ des Feierabendverkehrs mischt sich zwischen Rhein und Weser mit Kurzurlaubern auf dem Weg ins lange Wochenende und den zur „just in time“-Lieferung angehaltenen Güterverkehren. Von meinem Arbeitsplatz, der STRABAG AG-Zentrale in Köln würden diese Staus aneinandergereiht bis in den hohen Norden zur Kieler Förde reichen.  Man stelle sich die Strecke einmal vor: Wir starten am Kölner Ring auf unserem „Stau-Monster“, der A3. In Richtung Ruhrgebiet werfen wir am Leverkusener Kreuz einen besorgten Blick auf die kaputte Rheinbrücke und fahren weiter in Richtung Dortmund. Dort stehen wir vor der „Qual der Wahl“, wählen wir die in NRW größtenteils noch immer zweispurige A1 nach Münster und Bremen oder fahren wir gen Osten auf der A2 über Ostwestfalen nach Hannover. Von dort aus geht es die altehrwürdige A7 gen Norden nach Hamburg. Am Knotenpunkt von A1 und A7 passieren wir Deutschlands zweitgrößte Stadt und ihren Hafen auf dem letzten Abschnitt bis nach Kiel. Allen diesen Strecken ist dabei eines gemeinsam: die Überlastung oder kurzum der Stau.

Ich denke: Wärest Du doch besser mit dem Zug gefahren! Doch würde diese Idee im verspätungsgeplagten Kollegenkreis nicht nur ein großes Gelächter nach sich ziehen? „Knotenpunkt Kölner Hauptbahnhof“ lautet die neue Metapher für das Nadelöhr schlechthin, für verpasste Chancen und verschwendete Zeit. Vor Augen habe ich überfüllte Bahnsteige, wartende Menschen mit strapazierten Nerven und eine Anzeige, die über 40 Minuten Verspätung und Zugausfälle informiert. Das ist Alltag in NRW.

Der RRX, er soll kommen und 30.000 Menschen zur Abkehr vom Auto bewegen sowie die heute üblichen „Kollisionen“ von Fern- und Regionalverkehr beheben. Ein Zukunftsprojekt für den Personenverkehr wie die Betuwe-Linie eines für den Güterverkehr ist. „Mehr Güter auf die Schiene“ – seit Jahrzehnten versprochen, passiert ist bislang kaum etwas.

Was zeigt uns das? NRW ist Transitland – für Personen- und für Güterverkehre, Ziel- und Ursprungsort für weltweit gehandelte Waren und Hinterland für europäische Seehäfen. An der Verkehrsinfrastruktur von NRW hängen nicht nur Aachen, sondern auch Antwerpen und Amsterdam. Unser Wohlstand basiert maßgeblich auf Mobilität. Wenn das Rad sich nicht mehr dreht, fällt NRW unaufhaltsam weiter zurück. Und die Wasserstraße, der einzige Verkehrsträger mit unmittelbarem Wachstumspotential? Die Brücken zu niedrig für dreilagige Binnenschiffe, marode Schleusen, die vor über 100 Jahren vom Kaiser eingeweiht wurden und die Rheinvertiefung bestenfalls in der Planungsphase.

„Wir müssen die Verkehrsinfrastruktur unseren Bedürfnissen anpassen und nicht umgekehrt!“

Ich sage: Wir müssen die Verkehrsinfrastruktur unseren Bedürfnissen anpassen und nicht umgekehrt! Wir brauchen einen an den Bedarfen der Zukunft ausgerichteten Ausbau von Straßen, Lückenschlüsse und Engpassbeseitigungen, wir brauchen mehr Gleise, um Verkehre zu entzerren und Züge pünktlich an ihr Ziel kommen zu lassen, wir brauchen leistungsfähige Flüsse und Kanäle, um emissionsarme Verkehre zu fördern.

CDU und FDP haben sich im Wahlkampf klar pro Verkehr positioniert. Das ist gut und richtig. Vom Bund regnet es Investitionen, aber in NRW versickern diese noch immer aufgrund fehlender Projektplanungen. Als Bauindustrie wollen wir unsere Verkehrsinfrastruktur modernisieren. Wir wollen anpacken und unseren neuen Verkehrsminister Hendrik Wüst mit Ideen und Lösungen unterstützen.

Warum planen wir den Bau von Brücken am Reißbrett anstatt digital? Warum werden Planung und Bau strikt getrennt, anstatt alle frühzeitig mit einzubeziehen? Warum fertigen wir jedes Teil einzeln bei Wind und Wetter vor Ort und produzieren nicht vorab in der Fabrik? Warum investieren wir nicht genug, um unsere Landesstraßen zu erhalten und zu stärken? Warum bauen wir immer erst ab April oder Mai, wenn es am Rhein im Winter kaum noch friert? Und warum vergeben wir jede Leistungen als Einzellos, wenn der Sanierungsbedarf so groß ist und die Schnittstellen zusätzliche Risiken erwarten lassen?

Genehmigungsverfahren und Planungen beschleunigen, kontinuierlich ausschreiben und neue Bauverfahren etablieren, die Digitalisierung auf die Straßen bringen, Sanierung und Ausbau langfristig finanzieren – das ist die Agenda für NRW. Verkehrspolitik muss Vorrang haben, um in NRW wieder Wachstum und Wohlstand zu ermöglichen. Das und nicht weniger erwarten wir von Schwarz-Gelb.

Investitionen bauen Zukunft und in wenigen Jahren, so hoffe ich, fahren wir staufrei bis nach Kiel!“