Von Anja Weber

Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes Nordrhein-Westfalen

Ich bin im Dezember zur neuen Vorsitzenden des DGB in Nordrhein-Westfalen gewählt worden. In nahezu jedem Interview, das ich rund um meine Wahl gegeben habe, wurde ich von den Journalisten gefragt, ob es etwas Besonderes ist, eine Frau in dieser Position zu sein. Ich antworte dann jedes Mal, dass es für mich nichts Besonderes ist, ich bin ja schon immer eine Frau und sehe wenig Anlass, mich ständig damit auseinanderzusetzen. Und dennoch haben die Journalisten natürlich recht: Nach wie vor ist es ungewöhnlich, dass Frauen in Arbeitnehmer- oder Arbeitgeberorganisationen an der Spitze stehen oder Unternehmen leiten.

Frauen und Führung scheinen für viele Menschen immer noch nicht zusammen zu passen. Das bestätigt auch ein Blick in diesen Blog. Ich habe beim Durchscrollen der letzten Beiträge gerade mal eine Frau entdeckt. Dabei müsste es in einer heterogenen Gesellschaft selbstverständlich sein, dass auch ihre Führungsfiguren aus unterschiedlichen Zusammenhängen kommen. Frauen sehen die Welt anders als Männer, Menschen mit Migrationshintergrund anders als ohne, Junge anders als Ältere. Damit wir alle Potentiale schöpfen können, muss diese Vielfalt künftig stärker abgebildet werden als bisher. Es wird in einer immer komplexeren Gesellschaft politisch und wirtschaftlich entscheidend sein, ob es uns gelingt, die unterschiedlichen Gruppen anzusprechen, sich in ihre Lebenswirklichkeit hineinzufühlen und Lösungen für ihre individuellen Anliegen zu finden.

Dass unsere Gesellschaft komplexer und die Bedürfnisse differenzierter werden, erleben wir unter anderem an der aktuellen Debatte um die Arbeitszeit. Das männliche Alleinverdiener-Modell hat vielerorts ausgedient, Paare wollen heutzutage gemeinsam Lösungen finden, wie sie Beruf und Familie unter einen Hut bekommen. Starre Arbeitszeitregelungen sind da eher hinderlich. Besondere Ansprüche haben auch ältere Arbeitnehmer, die mit altersgerechten Arbeitszeiten den immer längeren Weg bis zur Rente gesund schaffen können. Für all diese Menschen brauchen wir Arbeitszeitmodelle, die sich ihrer persönlichen Lebenssituation anpassen. Ich bin überzeugt, dass sich in diesem Zusammenhang die Digitalisierung als Segen erweisen kann. Sie ermöglicht in vielen Jobs, selbstbestimmter über die eigene Arbeitszeit zu entscheiden. Dies hat allerdings eine Voraussetzung: Diese Prozesse müssen bewusst von Gewerkschaften, Arbeitgebern und der Politik gestaltet werden. Die Möglichkeit, unabhängig von Zeit und Ort zu arbeiten, darf nicht dazu führen, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ständig erreichbar sind und ihre Arbeitszeit immer weiter entgrenzt wird. In den vergangenen Jahrzehnten ist den Beschäftigten immer mehr Flexibilität abverlangt worden, immer zum Wohle der Unternehmen. Jetzt ist es an der Zeit, dass wir den Fokus verschieben. Wir erleben, wie die psychischen Belastungen im Berufsleben ständig wachsen, bei vielen bis über die Grenze der Belastbarkeit hinaus. Unsere Aufgabe muss es daher sein, Druck aus dem System zu nehmen und ihn nicht noch weiter zu erhöhen. Mehr Selbstbestimmung beim Arbeitszeitmanagement kann dabei einen wichtigen Beitrag leisten.

Ich freue mich in diesem Zusammenhang immer wieder über die vielen positiven Reaktionen, die die IG Metall auf ihre Forderung nach einer zeitweisen Reduzierung der Arbeitszeit auf 28 Stunden bekommt. Unsere größte Gewerkschaft hat damit einen Nerv getroffen, der nicht nur bei den Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie gut ankommt. Besonders jüngere Menschen finden die Aussicht attraktiv, phasenweise beruflich etwas kürzer zu treten, ohne gleich in die Teilzeitfalle zu geraten. Gerade für sie, die sich in der sogenannten „Rushhour des Lebens“ befinden, in der Berufseinstieg, Familiengründung und finanzielle Belastungen durch Auto- oder Hauskredite nah beieinander liegen, bietet der Vorschlag eine Chance, etwas durchzuatmen. Aber auch für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die durch Schichtarbeit stark belastet sind, bietet das Modell die Perspektive, sich für bis zu zwei Jahren beruflich etwas zurückzunehmen, ohne horrende Einkommensverluste zu befürchten. Von der neu geschöpften Kraft profitiert dann nicht nur der oder die Beschäftigte selbst, sondern auch das Unternehmen.

Nie waren die Bedingungen so gut, die deutsche Wirtschaft boomt seit Jahren. Nun muss endlich die Arbeit der Belegschaften, die den Erfolg ihrer Unternehmen maßgeblich erarbeitet haben, gewürdigt werden. Es hängt vor allem vom Willen ab. Vom Willen, neue Wege zu gehen und neue Zeiten zu denken.